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Heimatverein Burgsteinfurt e.V.
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Niederschriften vom
heimatgeschichtlichen Arbeitskreis zum Thema Berufsgruppen
1. Der Schneider |
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Gespräch mit Franz
Eying, Jahrgang 1935
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Mein Großvater Heinrich Eying hat sich 1890, von Borghorst
kommend, mit folgender Anzeige in Burgsteinfurt, 1.
Gaststege als Schneider selbständig gemacht.
"Zeige hiermit den verehrten Bewohnern von Burgsteinfurt
ergebenst an, dass ich mich hierselbst etabliert habe und
bitte, da ich gute Arbeit zu mäßigen Preisen zusichere, um
geneigten Zuspruch.
Achtungsvoll
Heinrich Eying, Schneidermeister, Friedhof, Gaststege 1
Nr. 359"
Da erst 1897 dieser Stadtteil mit elektrischem Licht
versorgt wurde, arbeitete mein Großvater noch mit einem
Kienspan, um die Werkstatt zu erhellen und mit einem
Bügeleisen, dass mit glühender Kohle bestückt werden musste.
Später zog er innerhalb der 1. Gaststege um und nahm über
der Schmiede Heimann seine Wohnung. Eine größere Werkstatt
benötigte er erst nicht, da er meistens bei den Bauern von
Hof zu Hof zog, um dort seine Schneiderarbeiten anzubieten.
Mein Vater Franz Eying, geboren 1904, lernte natürlich auch
das Schneiderhandwerk. 1928 machte er seine Meisterprüfung.
Für die Erstellung eines Mantels bekam er damals 2,78 Mark
bei 1,5 Tage Arbeit. Der übliche Gesellenlohn eines
Schneiders mit Kost und Logis lag bei 5 Mark in der Woche.
1937 erwarb er von dem Juden Michel das bebaute Grundstück,
Friedhof 44 (heute Nr. 14), wo er ab dann seine Wohnung und
Werkstatt einrichtete. Auf dem Haus lag eine grundbuchliche
Verpflichtung, jährlich ein Pfund Wachs an die evangelische
Kirchengemeinde zu zahlen. Nach langen Verhandlungen haben
wir diese Verpflichtung nach dem zweiten Weltkrieg mit 27
Mark ablösen können.
Es galt damals
der spöttische Vers:
Ein Schneider, der muss wiegen 99 Pfund,
und wenn er das nicht wiegen tut,
dann ist er nicht gesund.
Solche Sprüche waren aber nicht die Regel, denn das
handwerkliche Können eines Schneiders wurde allgemein
geschätzt.
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Bild 1 - Geschäftsanzeige von Schneidermeister Heinrich
Eyink im Steinfurter Kreisblatt vom
19. Juli 1890 |
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Nachdem dann mein Vater 1939 in den Krieg eingezogen wurde,
versuchte mein Großvater unsere Werkstatt weiter aufrecht zu
erhalten. 1940 wurde dann ein Militärschneider bei uns
einquartiert, der die Werkstatt nutzte, um den im Schloss
wohnenden Soldaten Uniformen auszubessern. Dazu kam dann
später noch ein Schuhmacher. 1941 starb mein Großvater. Ab
1950 lernte ich zu Hause, jetzt in der 3.Generation,
Herrenschneider.
Zur Zeit meiner Lehrzeit beschäftigten wir einmal Franz Raub
unseren Großstück Schneider und mit Roland Bauer einen
weiteren Gesellen, der sich später selbständig machte. Dazu
kamen dann noch gelegentlich zwei Zuarbeiter. Wir teilten
uns eine Werkstatt von 18 qm, die mit einem Bügelofen
(Brennmaterial Kohle und Holz) beheizt wurde. In der
Werkstatt stand ein großer Tisch, der sowohl für den Meister
(Zuschneider) als auch für den Großstück Schneider zur
Verfügung stand und zwei kleinere Tische, einen mit
Futterkiste drunter, für die übrigen Beschäftigten. Dazu
kamen noch 3 Nähmaschinen. Die Arbeitszeit begann morgens um
7.00 Uhr und ging abends bis 18.00 Uhr. Mein Vater war
teilweise noch bis Mitternacht zugange.
Sonntags Morgens besuchte er die bäuerliche Kundschaft.
Besonders viel Arbeit lag vor den großen kirchlichen
Festtagen wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten an. Samstags
war immer großes Abbügeln der Neuteile angesagt, die dann
mittags von den Kunden abgeholt oder vom Lehrling
weggebracht wurden.
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Bild 2 -
Schneider Franz - ein Burgsteinfurter Original -
aus den 50er und 60er Jahren
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Für einen Anzug (Hose, Weste, Jacke) benötigte ein Schneider
etwa 40 Arbeitsstunden. Dafür bekam er im Schnitt 180 Mark
(80 Mark für die Arbeit, 100 Mark fürs Material).
Unser Großstück Schneider verdiente Mitte der 50er Jahre 50
Mark in der Woche, während der mittlerweile bei uns
eingestellte Kleinstück Schneider Gerd Hoffmann, der bei uns
beköstigt wurde, 35 Mark die Woche erhielt.
Bevor ich 1958 meinen Meister machte , hatte ich ein
Gesellenjahr in Emsdetten und ein weiteres in Ahaus, bei
einem Spezialisten für Gesellschaftskleidung gemacht.
Zwischendurch besuchte ich für ein halbes Jahr eine private
Handelschule in Münster.
In der schlechten Zeit nach dem Krieg fuhren wir oft mit dem
Bollerwagen zur Weberei Segler in Borghorst, um uns mit
Drellstoffen (bedruckte Stoffe, die Sträflingskleidung
ähnelten) einzudecken, die als Einlage dienten. Die uns vom
Obermeister Josef Schwering aus Borghorst zugeteilten Stoffe
reichten bei weitem nicht aus, um den Kundenwünschen
nachzukommen. Besser waren die Kunden dran, die Stoffe
mitbrachten.
Die Bezahlung erfolgte in dieser Zeit häufig mit Naturalien,
so dass wir selbst keinen Hunger zu leiden hatten. Ein
Großteil unserer Arbeit bestand damals im Wenden von
Mänteln. Oft lautete unser Auftrag auch, aus zwei
Textilteilen ein Teil zu machen.
Ich erinnere mich noch, dass Militärwolldecken bei Meyerhöfer
eingefärbt und uns zur Herstellung von Mänteln gebracht
wurden (aus zwei Wolldecken einen Mantel). Des weiteren
hatten wir sehr viel auszubessern.
Beim Herrenschneider bestellte man Herren- und
Damenoberbekleidung wie Anzüge, Mäntel, Kostüme und Röcke.
Als Männer und Frauen modebewusster wurden, ließen sich auch
Frauen zu Schneiderinnen ausbilden. Dazu kamen die
Weißnäherinnen, die für die Leibwäsche und die
Aussteuer zuständig waren.
Wichtig war in der damaligen Zeit, dass die Kleidungsstücke
Säume und Einschläge hatten, damit sie nach Bedarf leicht
änderbar waren. Aus abgetragenen Sachen wurden noch Flicken
geschnitten, um durchgesessene Hosen und durchgescheuerte
Kniestücke auszubessern. Was
dann letztendlich in den Lumpensack kam, war beim besten
Willen nicht mehr brauchbar.
Besuchte ein Kunde zum Maßnehmen oder Anprobieren unsere
Werkstatt, kam es meist zu anregenden Gesprächen, denen ich
als Lehrling gerne lauschte.
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Im Schneidersitz saß der
Schneider auf seinem Tisch, um sich voll auf die Arbeit
konzentrieren zu können. Mit offenem Hemd und ärmelloser
Weste, das Bandmaß um den Hals gelegt, saß er dort oft viele
Stunden, um Stoffteile mit dem Reihfaden zusammenzufügen.
Vor ihm lag ein Nadelkissen mit Näh- und Stecknadeln
unterschiedlicher Größen. Ein Nähring auf dem Mittelfinger
der rechten Hand diente zum Nachschieben der Nähnadeln.
Reih- und Nähgarn waren auf Rollen gewickelt, damit sich die
Fäden nicht verhedderten. Unterschiedliche Scheren zum
Zuschneiden oder zum Aufschneiden der Knopflöcher hingen an
der Wand. Mehrere elektrische Bügeleisen standen bereit, um
fertige Teile zu plätten. Stoffmuster Bücher durften
natürlich auch nicht fehlen. Die später angeschafften
Zick-Zack Nähmaschinen erleichterten und verkürzten die
Arbeit erheblich.
Für einen 3-teiligen Anzug benötigte man Stoff von 3,10 m
Länge bei 1,60 m Breite und für einen Herrenmantel 2,40
m - 2,60 m Länge bei gleicher Breite.
In den 70er Jahren haben viele handwerklichen
Schneiderbetriebe unter dem Druck der Bekleidungsindustrie
aufgeben müssen und sind zum größten Teil dann als
Fachkräfte in die Konfektionsbetriebe gegangen. Ich selbst
habe meinen erlernten Beruf 1975 aufgegeben, um im
Krankenwagendienst weiter tätig zu sein.
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Bild 3 -
In Eyings Werkstatt - (rechts Franz Eying) |
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Da die Ausstattung einer Schneiderwerkstatt nicht so teuer
und so aufwendig wie bei anderen Handwerksberufen ist, gab
es früher eine große Zahl von selbständigen Schneidern. Aus
der Schatzungsliste von 1793 wissen wir, dass in
Burgsteinfurt 15 Schneider ihr Gewerbe
betrieben. |
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Anfang der 50er Jahre kennen wir folgende Herrenschneider in
unserer Stadt:
1. Gerhard Arning, Emsdettenerstraße 19 ( Gewerbe 15.4.56
abgemeldet)
2. Franz Eying, Friedhof 44 (Gewerbe 1975 abgemeldet)
3. Franz Elfers, Alexander König Straße 1 (Schneider Franz)
4. Alfred Fitzner, Friedhof 20 Kommende ( Gewerbe 7.12.56
abgemeldet)
5. Franz Heller, Löffelstraße 21
6. Gerhard Hemker, Rottstraße 9 über Kohlenhandlung Ebbing
7. Hermann Heuer, Kalkwall 5
8. Albert Hoppe, Schlietenstraße 14
9. Berhard Middendorf, Luisenstraße 5
10. Walter Sitte, Lindenstraße 52
11. Wilhelm Stuhrbaum, Türkei 4
12. Hermann Wacker, Kirchstraße 23,
13. Wilhelm Wacker, Türkei 1
14. Rudolf Hilge, Türkei 21
15. Franz Döring, Bahnhofstraße 3
16. Wilhelm Busch, Löffelstraße
17. Erich Brouwer, Steinstraße 1
18. Hermann König, Ochtruper Straße 62 (fliegender
Schneider)
19. Roland Bauer, Friedrichstraße 8 ( Gewerbe am 17.11.55
abgemeldet)
20. Ernst Oberschelp, Hollich 128 und Adelheid
(Hausschneiderei), 1.7.58 Gewerbe angemeldet.
21. Josef Edenfeld, Blocktorfeldmark 17 (war vom Beruf
Weber, hatte aber eine Schneiderreparaturwerkstatt)
22. Heinrich Becker, Goldstraße 54, selbstständig seit 1928
Dazu kamen folgende Schneider, denen schon 1946 die
Genehmigung erteilt war, eine gewerbliche Schneiderei zu
eröffnen:
Ernst Seibt,
Rudolf Wizciok (Zirkusschneider
genannt, da er eine Zeitlang mit Zirkus Krone gezogen ist),
Drepsenhoek,
Ferdi Engel, Friedhof 40,
Oskar Patzelt,
Döhmannstraße 4.
Herren- und Damenschneiderei:
Gassel, Bahnhofstraße 14
Hermann König, Ochtruper Straße 62, 1956 Gewerbe abgemeldet
Damenschneiderei:
1. Änne Fröhlen, Emsdettener Straße 23, Damenschneiderei
2. Johanna Gerdes, Graf Ludwig Straße ?
3. Elisabeh Kasum, Leererstraße 35, Schneiderin, zumindest
von 1951-1955.
4. Anna Rottmann, Windstraße
5. Willy Bergson, Breslauerstr. 2 (1.1.1956 Gewerbe
angemeldet.)
6. Erna Lang, geb Geisler, Döhmannstr. 12 (15.4.1957 Gewerbe
abgemeldet.), Näherin
7. Christine Ebbing, Hahnenstr.8 (1.2.1956 Gewerbe
abgemeldet.), Schneiderin
8. Franz Vorgerd, Maßschneiderei für Damen und Herren,
eigene Wäscheanfertigung, Stickerei (Gewerbe am 1956.
abgemeldet), Steinstraße 17
9. Päule Adam, Bohlenstiege 39, Schneiderin seit mind. 1931
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Weißnäherinnen
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