Heimatverein Burgsteinfurt e.V. 

Niederschriften vom heimatgeschichtlichen Arbeitskreis zum Thema Berufsgruppen

6. Der Schuhmacher

 

Gespräch mit Hermann Rottmann, Tecklenburgerstr.14, Schumachermeister, Jahrgang 1920

 

In den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg gab es in Burgsteinfurt folgende selbständige Schuhmacher:


Theodor Bremer, Türkei 12,

Wilhelm Arning, Lindenstraße 25,

Heinrich Knauerhase (vormals Twickler), Gerichtsstraße.,

Hermann Rottmann, Emsdettenerstraße 14,

Felix Schneuing, Bütkamp 10,

Friedrich Stall, Hahnenstraße 11,

Heinrich Teupen (später Quast, Onkel Otto) Kautenstege 3,

Franz Uppena, Markt 3,

Wilhelm Wessels, Wasserstraße 4,

Hermann Waterkamp (Piggen Herm), Friedhof 15,

Heinrich Klaasmeier, Metelerstiege 3,

Erich Ebbing, Neustraße 6,
Bödding, (soll nur Schäfte gemacht haben) Alexander König Straße,

Heinrich Wessels Friedhof 12,

Heckmann, Neustraße.

 

Nach einer Schatzungsliste der Stadt Burgsteinfurt von 1793 gab es damals in unserer Stadt bereits 9 Schuhmacher.

 

 
 

Mein Großvater Hermann Rottmann, der aus Hollich stammte, hat 1892 unsere Schumacherwerkstatt gegründet. Vorher hatte er als Geselle bei Bremer und Stall gearbeitet. Ich bin 1934 als Lehrling in den elterlichen Betrieb eingestiegen. 1936 eröffneten wir das Schuhgeschäft. Nachdem ich den Krieg mitgemacht habe, übernahm ich 1946 von meinem Vater den häuslichen Betrieb.


Wir hatten damals 2 Gesellen und 2 Lehrlinge bei 2000 eingetragenen Kunden. Damit gehörten wir zu den größeren Schuhmacherwerkstätten in der Stadt.


In den ersten Jahren nach dem Krieg stand die Schuhreparatur an erster Stelle. Dazu bekam der Schuhmacher über Materialbezugsscheine, die nach der eingetragenen Kundenzahl bemessen waren, seine Materialien, wie Leder, Gummi, Nähgarn usw. Das war aber bei weitem nicht genug, um die Kundenwünsche ausreichend erfüllen zu können. Nur in Kompensationsgeschäften mit Tauschobjekten wie Zigarren, Drahtwaren, Schinken und Speck war es zu der damaligen Zeit möglich, Leder zu bekommen, um neue Schuhe zu fertigen.

So habe ich insbesondere für Paul Rotmann (Tabak Rotmann) und über diesen vermittelt, für die Frau von Draht Lauen in Münster, regelmäßig neue Lederschuhe in Maßarbeit gemacht. Aber durch diese Tauschgeschäfte kam auch Material ins Haus, um damit weiteren Kunden, die nichts tauschen konnten, helfen zu können.


Für ein Paar Halbschuhe brauchte man 1,5-2 Tage. Diese Schuhe kosteten dann etwa 60-70 Mark, was damals dem Wochenlohn eines Fabrikarbeiters entsprach. Dafür hielten die Schuhe aber auch oft über 10 Jahre. Außerdem wurden natürlich Schuhe gefertigt, wenn jemand das Leder selbst mitbrachte. Das war aber selten der Fall.


Unsere wichtigsten Werkzeuge waren damals: Schusterhammer, Schusterzange und Schusteramboss. Dazu kamen: Klopfstein, (worin das Leder geklopft wurde, um es geschmeidiger zu machen, später machte man das mit Lederwalzen), verschiedene Messer, um das Leder
zuzuschneiden, Glätteisen, mit dem das Leder glatt gemacht wurde.


Nahtlöcher wurden mit einer Schusterahle (das waren die verschiedenen Nadeln mit Holzgriff, Querort und Flachort) vorgebohrt.

 

Dazu kamen: Ausputzmaschine, Nähmaschine, Kombinationsmaschine zum Schleifen, Fräsen und Polieren, Schuhpresse zum Kleben.


Die Regale an den Wänden waren mit Leisten verschiedener Größen übersäht. Als noch kein elektrisches Licht die Werkstatt ausleuchtete, verwandte der Schuhmacher eine sogenannte Schusterkugel, die das Kerzen- bzw. Petroleumlicht auf den Arbeitsplatz konzentrierte.


Der Schuhmacher saß in seiner Werkstatt auf einem 3-beinigen Schemel mit einer Vorbindeschürze vor einem Tisch, auf dem in Stuhlhöhe sein Handwerkszeug lag. Ein Geruch von Leder, Pech und Wachs durchzog ständig die Werkstatt.

 

Brauchte ein Kunde neue Schuhe, dann ging er zunächst zum Maßnehmen zu seinem Schuster. Der stellte den Fuß auf ein Stück Papier und zeichnete die Umrisse nach. Dann wurde mit einem Zollstock Länge, Breite, Höhe sowie Rist und Spann des Fußes gemessen. Die Papierumrisse wurden auf Leder übertragen, für die Nähte wurde noch 1 cm zugegeben.


Aus dem Vorrat an Leisten wählte der Schumacher das Modell aus, das dem Fuß des Kunden möglichst ähnlich war. Durch Aufkleben von Lederresten konnten Abweichungen zum Fuß des Kunden noch ausgeglichen werden. Auf diesen Leisten wurde Papier gelegt. So entstand eine Schablone für das Oberleder.

 

Diese wurde auf ein Lederstück übertragen und mit einem scharfen Schustermesser herausgeschnitten, um dann auf einer fußbetriebenen Ledernähmaschine zusammengenäht zu werden. So geschah es auch mit der Brand- und Laufsohle. Diese beiden Sohlen hielten das dazwischen genähte Oberleder fest. Mit einer Lederzange wurde das Oberleder auf den Leisten gezogen und mit Nägeln befestigt, die später, wenn das Leder dem Leisten entsprechend geformt war, wieder herausgezogen wurden.

 

Um beide Hände für die Arbeit frei zu haben, hielt der Schuster den Leisten (oder Schuh) mit einem Knie- oder Spannriemen fest. Zum Nähen wurde feines Hanfgarn verwandt, das mehrfach verdrillt und mit Schusterpech verpicht war. Nahtlöcher wurden mit einer Durchstechahle gebohrt und die Nähte in einer Rille im Leder versenkt. Ober- und Unternaht wechselten und die Fäden überkreuzten sich, so hielt alles besser.


Die Einstichlöcher wurden mit Pech wieder verschlossen. Löcher für die Schuhriemen wurden mit einer Ösenstanze eingearbeitet, die Lederteile geglättet. Der Absatz hatte mehrere Lederschichten, die geklebt oder mit Piggen genagelt zusammenhielten. Solche genagelten Schuhflächen wurden wieder glatt geschliffen.


Die Arbeitszeit zog sich von morgens 8.30 Uhr oft bis abends nach 22 Uhr hin. Die fertige Arbeit lieferten wir den Kunden ins Haus.


Gerade für den Steinfurter Bereich war es sehr schwierig im und nach dem Krieg Leder zu beschaffen, da, außer dem kleinen Betrieb Fill in Horstmar, keine größeren Gerbereien in der Nähe ansässig waren.


Um der großen Schuhnot 1947/48 zu begegnen, hatte die damalige Regierung ein Jedermann-Schuhprogramm aufgelegt. Das waren äußerst einfache Schuhe, die sich schon bald, als es bessere Schuhe zu kaufen gab, überholten. Einige Zeit nach der Währungsreform gab es dann genug Schuhe zu kaufen, so dass die Tauschgeschäfte aufhörten.


Neben Schuhe wurden bei uns auch Pferdegeschirre, Lederjacken, Ledertaschen usw. repariert.


Die Leisten waren das Betriebskapital einer Schuhmacherwerkstatt. Wir hatten mehr als 100 unterschiedliche Leisten.


Nach meiner Meinung hatten die selbständigen Schuhmacher in unserer Stadt ein gutes Auskommen. Konkurrenzdenken gab es nicht. Vielmehr hatten wir über viele Jahre einen gemeinsamen Kegelclub, wo man sich gegenseitig austauschte.


Bei den Holzschuhen wurde von uns in den ersten Jahren das Leder aufgenäht. Später war es oft gepolstert und wurde der Einfachheit halber geklebt.

In der Stadt gab es keine Holzschuhmacher. Dafür waren in den Bauerschaften immer wieder Holzschuhmacher tätig, die neben ihrer kleinen Landwirtschaft das Handwerk ausübten. Oft gingen sie auch in den Wintermonaten auf die Höfe, um für ganze Familien Holzschuhe auf Vorrat anzufertigen.


In Hollich gab es nach dem Krieg mit Heine Beckwilm und in Sellen mit Rudolf Deitert zwei selbständig tätige Holzschuhmacher.


Wegen Mangel an Lederschuhen kamen sogar Beamte des Amtsgerichtes und der Kreisverwaltung mit Holzschuhen 1945/46 zum Dienst.
Herr Rottmann wusste auch noch zu berichten, dass sein Großvater um 1900 vor Feiertagen bei Bremer bis zu 20 Stunden am Tag gearbeitet hat. bekam damals einen Wochenlohn von 5 Mark.


Der Heimatverein Burgsteinfurt konnte vor Jahren die Schuhmacherwerkstatt von Quast erwerben. Sie wurde von Werner Walterbusch mit viel Geschick und historischem Gespür aufgearbeitet und hat im Stadtmuseum einen Platz gefunden, wo viele interessierte Besucher, sich in die frühere Zeit einer Schumacherwerkstatt zurückversetzen können.

 

Weiter zum Schmied

 


Text: Gottfried Bercks


 

Lesen Sie hierzu auch unsere weiteren Niederschriften zum Thema Alte Berufsgruppen:

 

1. Schneider

2. Weißnäherinnen

3. Zimmermann

4. Bäcker

5. Metzger

6. Schuhmacher

7. Schmied

8. Friseur

9. Kolonialwarengeschäft

10. Kohlenhandlung