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Mein Großvater Hermann Rottmann, der aus Hollich stammte,
hat 1892 unsere Schumacherwerkstatt gegründet. Vorher hatte
er als Geselle bei Bremer und Stall gearbeitet. Ich bin 1934
als Lehrling in den elterlichen Betrieb eingestiegen. 1936
eröffneten wir das Schuhgeschäft. Nachdem ich den Krieg
mitgemacht habe, übernahm ich 1946 von meinem Vater den
häuslichen Betrieb.
Wir hatten damals 2 Gesellen und 2 Lehrlinge bei 2000
eingetragenen Kunden. Damit gehörten wir zu den größeren
Schuhmacherwerkstätten in der Stadt.
In den ersten Jahren nach dem Krieg stand die Schuhreparatur
an erster Stelle. Dazu bekam der Schuhmacher über
Materialbezugsscheine, die nach der eingetragenen Kundenzahl
bemessen waren, seine Materialien, wie Leder, Gummi, Nähgarn
usw. Das war aber bei weitem nicht genug, um die
Kundenwünsche ausreichend erfüllen zu können. Nur in
Kompensationsgeschäften mit Tauschobjekten wie Zigarren,
Drahtwaren, Schinken und Speck war es zu der damaligen Zeit
möglich, Leder zu bekommen, um neue Schuhe zu fertigen.
So habe ich insbesondere für Paul Rotmann (Tabak Rotmann)
und über diesen vermittelt, für die Frau von Draht Lauen in
Münster, regelmäßig neue Lederschuhe in Maßarbeit gemacht.
Aber durch diese Tauschgeschäfte kam auch Material ins Haus,
um damit weiteren Kunden, die nichts tauschen konnten,
helfen zu können.
Für ein Paar Halbschuhe brauchte man 1,5-2 Tage. Diese
Schuhe kosteten dann etwa 60-70 Mark, was damals dem
Wochenlohn eines Fabrikarbeiters entsprach. Dafür hielten
die Schuhe aber auch oft über 10 Jahre. Außerdem wurden
natürlich Schuhe gefertigt, wenn jemand das Leder selbst
mitbrachte. Das war aber selten der Fall.
Unsere wichtigsten Werkzeuge waren damals: Schusterhammer,
Schusterzange und Schusteramboss. Dazu kamen: Klopfstein,
(worin das Leder geklopft wurde, um es geschmeidiger zu
machen, später machte man das mit Lederwalzen), verschiedene
Messer, um das Leder
zuzuschneiden, Glätteisen, mit dem das Leder glatt gemacht
wurde.
Nahtlöcher wurden mit einer Schusterahle (das waren die
verschiedenen Nadeln mit Holzgriff, Querort und Flachort)
vorgebohrt.
Dazu kamen:
Ausputzmaschine, Nähmaschine, Kombinationsmaschine zum
Schleifen, Fräsen und Polieren, Schuhpresse zum Kleben.
Die Regale an den Wänden waren mit Leisten verschiedener
Größen übersäht. Als noch kein elektrisches Licht die
Werkstatt ausleuchtete, verwandte der Schuhmacher eine
sogenannte Schusterkugel, die das Kerzen- bzw.
Petroleumlicht auf den Arbeitsplatz konzentrierte.
Der Schuhmacher saß in seiner Werkstatt auf einem 3-beinigen
Schemel mit einer Vorbindeschürze vor einem Tisch, auf dem
in Stuhlhöhe sein Handwerkszeug lag. Ein Geruch von Leder,
Pech und Wachs durchzog ständig die Werkstatt.
Brauchte ein
Kunde neue Schuhe, dann ging er zunächst zum Maßnehmen zu
seinem Schuster. Der stellte den Fuß auf ein Stück Papier
und zeichnete die Umrisse nach. Dann wurde mit einem
Zollstock Länge, Breite, Höhe sowie Rist und Spann des Fußes
gemessen. Die Papierumrisse wurden auf Leder übertragen, für
die Nähte wurde noch 1 cm zugegeben.
Aus dem Vorrat an Leisten wählte der Schumacher das Modell
aus, das dem Fuß des Kunden möglichst ähnlich war. Durch
Aufkleben von Lederresten konnten Abweichungen zum Fuß des
Kunden noch ausgeglichen werden. Auf diesen Leisten wurde
Papier gelegt. So entstand eine Schablone für das Oberleder.
Diese wurde auf
ein Lederstück übertragen und mit einem scharfen
Schustermesser herausgeschnitten, um dann auf einer
fußbetriebenen Ledernähmaschine zusammengenäht zu werden. So
geschah es auch mit der Brand- und Laufsohle. Diese beiden
Sohlen hielten das dazwischen genähte Oberleder fest. Mit
einer Lederzange wurde das Oberleder auf den Leisten gezogen
und mit Nägeln befestigt, die später, wenn das Leder dem
Leisten entsprechend geformt war, wieder herausgezogen
wurden.
Um beide Hände
für die Arbeit frei zu haben, hielt der Schuster den Leisten
(oder Schuh) mit einem Knie- oder Spannriemen fest. Zum
Nähen wurde feines Hanfgarn verwandt, das mehrfach verdrillt
und mit Schusterpech verpicht war. Nahtlöcher wurden mit
einer Durchstechahle gebohrt und die Nähte in einer Rille im
Leder versenkt. Ober- und Unternaht wechselten und die Fäden
überkreuzten sich, so hielt alles besser.
Die Einstichlöcher wurden mit Pech wieder verschlossen.
Löcher für die Schuhriemen wurden mit einer Ösenstanze
eingearbeitet, die Lederteile geglättet. Der Absatz hatte
mehrere Lederschichten, die geklebt oder mit Piggen genagelt
zusammenhielten. Solche genagelten Schuhflächen wurden
wieder glatt geschliffen.
Die Arbeitszeit zog sich von morgens 8.30 Uhr oft bis abends
nach 22 Uhr hin. Die fertige Arbeit lieferten wir den Kunden
ins Haus.
Gerade für den Steinfurter Bereich war es sehr schwierig im
und nach dem Krieg Leder zu beschaffen, da, außer dem
kleinen Betrieb Fill in Horstmar, keine größeren Gerbereien
in der Nähe ansässig waren.
Um der großen Schuhnot 1947/48 zu begegnen, hatte die
damalige Regierung ein Jedermann-Schuhprogramm aufgelegt.
Das waren äußerst einfache Schuhe, die sich schon bald, als
es bessere Schuhe zu kaufen gab, überholten. Einige Zeit
nach der Währungsreform gab es dann genug Schuhe zu kaufen,
so dass die Tauschgeschäfte aufhörten.
Neben Schuhe wurden bei uns auch Pferdegeschirre,
Lederjacken, Ledertaschen usw. repariert.
Die Leisten waren das Betriebskapital einer
Schuhmacherwerkstatt. Wir hatten mehr als 100
unterschiedliche Leisten.
Nach meiner Meinung hatten die selbständigen Schuhmacher in
unserer Stadt ein gutes Auskommen. Konkurrenzdenken gab es
nicht. Vielmehr hatten wir über viele Jahre einen
gemeinsamen Kegelclub, wo man sich gegenseitig austauschte.
Bei den Holzschuhen wurde von uns in den ersten Jahren das
Leder aufgenäht. Später war es oft gepolstert und wurde der
Einfachheit halber geklebt.
In der Stadt gab es keine Holzschuhmacher. Dafür waren in
den Bauerschaften immer wieder Holzschuhmacher tätig, die
neben ihrer kleinen Landwirtschaft das Handwerk ausübten.
Oft gingen sie auch in den Wintermonaten auf die Höfe, um
für ganze Familien Holzschuhe auf Vorrat anzufertigen.
In Hollich gab es nach dem Krieg mit Heine Beckwilm und in
Sellen mit Rudolf Deitert zwei selbständig tätige
Holzschuhmacher.
Wegen Mangel an Lederschuhen kamen sogar Beamte des
Amtsgerichtes und der Kreisverwaltung mit Holzschuhen
1945/46 zum Dienst.
Herr Rottmann wusste auch noch zu berichten, dass sein
Großvater um 1900 vor Feiertagen bei Bremer bis zu 20
Stunden am Tag gearbeitet hat. bekam damals einen Wochenlohn
von 5 Mark.
Der Heimatverein Burgsteinfurt konnte vor Jahren die
Schuhmacherwerkstatt von Quast erwerben. Sie wurde von
Werner Walterbusch mit viel Geschick und historischem Gespür
aufgearbeitet und hat im Stadtmuseum einen Platz gefunden,
wo viele interessierte Besucher, sich in die frühere Zeit
einer Schumacherwerkstatt zurückversetzen können.
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