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Heimatverein Burgsteinfurt e.V.
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Niederschriften vom
heimatgeschichtlichen Arbeitskreis zum Thema Berufsgruppen
3. Der Zimmermann |
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Gespräch mit
Walter Claasmeier, Jahrgang 1935
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Mein Vater Johann Claasmeier, 1902 geboren, hat bei Hermann
Raeker, Seilen 44, den Beruf des Zimmermanns erlernt. Er
machte 1923 seine Gesellenprüfung. Aus seinem Gesellenbrief
geht hervor, dass der Beruf des Zimmermanns zur Zwangsinnung
des Tischler-, Zimmerer- und Wagenbauerhandwerks gehörte.
Bis Ende 1925 arbeitete er noch bei Raeker als Geselle, um
sich dann ab 11.11.1925 gemeinsam mit Bernhard Hemker an der
Metelerstiege 4 selbständig zu machen. Keiner der beiden
besaß einen Meisterbrief.
Unter den Bauhandwerkern nahmen die Zimmerleute immer eine
Sonderstellung ein, da der Einzelne nicht allein arbeiten,
sondern nur in Verbindung mit 3, 4 oder 5 Kollegen die
schweren Hölzer heben, tragen, verarbeiten und zusammenfügen
konnte. Es hieß damals: "Der Zimmermann soll nicht nur
körperlich kräftig sein, wie es der Zimmererberuf verlangt,
sondern er muss, will er Erfolg haben, ein geistig regsamer,
mit praktischen, technischen Fähigkeiten ausgestatteter
Mensch sein."
Da es vor dem Krieg nur wenige automatische Sägen gab
(Rottmanns hatten allerdings ihr Gatter schon seit 1923),
mussten die Zimmerleute die Rundhölzer mit dem Breitbeil
selbst behauen, um entsprechende Kant- und Schnitthölzer zu
bekommen. Das war keine einfache Arbeit und erforderte viel
Geschick.
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Bei Kriegsbeginn 1939 wurde Johann Claasmeier als Deutscher
Frontarbeiter zur Organisation Todt eingezogen und war unter
der Führung der Firma Peter Büscher wie viele andere
Burgsteinfurter Handwerksmeister als Zimmermann auf
Baustellen in Bremen tätig. Ab 1942 ist er dann vom
Wehrdienst freigestellt worden, um für den Technischen
Notdienst in Burgsteinfurt zur Verfügung zu stehen. Hier
waren seine Einsatzorte am Bahnhof und das Gelände von
Gottszys Ziegelei, wo hauptsächlich Baracken als
Notunterkünfte gebaut wurden. Zu Kriegsende wurde er nach
Gelsenkirchen abkommandiert, um Bombenschäden zu reparieren.
Nach dem Krieg ging die normale Arbeit auf dem Bau schnell
wieder los. Gerade der Bausektor profitierte von der
Wohnungsnot und natürlich auch davon, dass viele, im Krieg
zerstörte Gebäude, wieder aufgebaut werden mussten. Zwar
mangelte es anfangs an allgemeinem Baumaterial, was aber
nicht unbedingt auf Holz zutraf, da dieses im Bagno oder in
den Droste Tannen in ausreichendem Maße zur Verfügung stand.
Daher ging der Zimmermann, wenn er den Auftrag für ein
Bauvorhaben bekommen hatte, erst in den Wald, um gemeinsam
mit dem zuständigen Förster (in den Droste Tannen war das
Kammering) die passenden Stämme vor Ort auszusuchen. Diese
wurden dann im Herbst und im Winter, solange der Saft noch
nicht in die Rinde gestiegen war, eingeschlagen. Mit Hilfe
von starken Ketten zogen Pferde (genannt Rückerpferde) die
Baumstämme aus dem Wald heraus, von wo sie dann mit Pferd
und Wagen von "Heine Hüsing", oder in vielen Fällen von den
Bauern selbst, nach Veltrup zu "Nolten Gerd", oder zur
Windstraße zu Rottmanns Mühle gebracht wurden. Der
Langholztransport erfolgte mit einem Ackerwagen, dessen
Vorder- und Hintergestell auf das gewünschte Maß
auseinandergezogen wurde. Er hatte keine Aufbauten, sondern
zur seitlichen Halterung nur sogenannte "Rungen", die
herausnehmbar waren. Beim Aufladen wurden einseitig die
"Rungen" entfernt, die Baumstämme mit einer "Kracke"
hochgehievt und seitlich auf den Wagen gerollt. Beim
Sägewerk angekommen, wurden die Bäume dann mit dem
vorhandenen Kettenzug hochgezogen, auf dem Gatterwagen
festgemacht, um entsprechend zugesägt zu werden.
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Der Zimmereibetrieb Lindstrot hatte schon damals für Bauholz
eine eigene Unterschnittkreissäge, so dass er nicht auf die
Sägewerke angewiesen war, sondern je nach Bedarf, allerdings
mit viel Personalaufwand, die Bäume selbst zusägen konnte.
Eine weitere Möglichkeit bot der Lohndrescher Gerd Wilmer
mit seinem Mitarbeiter "Tobi Brinkmann" an, der mit Hilfe
einer Kreissäge, die von einem Trecker angetrieben wurde,
die Sparren, Pfetten, Riegel und Pfosten entsprechend dem
Bedarf an jedem beliebigen Ort zersägen konnte.. Auch
Altholz aus Ruinen und Abbrüchen wurde zur damaligen Zeit
noch in großem Maße verarbeitet.
Die eigentliche Zimmermannsarbeit bestand darin, die
Kanthölzer entsprechend den Erfordernissen am Bau
weiterzubearbeiten. Dazu hatten Claasmeiers schon seit Mitte
der 30er Jahre verschiedene tragbare Zimmereimaschinen.
Das wichtigste Werkzeug des Zimmermanns war sein
Bundgeschirr, das sich fast alle Zimmerleute zu Beginn der
Lehre selbst anschafften. Es bestand aus: Axt, Winkeleisen,
Stoß(Bund)axt, Stemmeisen, Klopfholz, Breitbeil und Hammer.
Wenn dann noch die Bund- oder Zimmersäge (Bogensäge), der
grob- und feingezahnte Fuchsschwanz, die Lochsäge und eine
Anzahl verschiedene Bohrer dazukamen, konnten alle
vorkommenden üblichen
Zimmererarbeiten durchgeführt werden.
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Meist wurde, wenn der Platz an der jeweiligen Baustelle es
erlaubte, an Ort und Stelle verzimmert. Dadurch sparte man
sich Transportwege, die besonders wegen des Auf- und
Abladens per Hand besonders mühselig waren. Nachdem dann das Profil im Maßstab 1:1 ausgelegt war, wurden
die einzelnen Kanthölzer auf Maß gebracht und die Klauen und
Zapfen (zum Teil per Hand) eingeschnitten und mit dem
Stemmeisen nachgeschlagen.
Erst Mitte der 50er Jahre bestellte man das Holz beim
Holzhändler nach Holzlisten. Auch hatte man da schon
modernere Maschinen zur Holzbearbeitung wie Handkreissägen,
Kettenfräse, Handbandsäge, Bohr- und Hobelmaschinen, die
allerdings im Verhältnis zu heute sehr schwer
waren und oft nur von 2 Leuten gehandhabt werden konnten.
Das Richten war ein Akt für sich, da das nur mit viel
Muskelkraft und großem Ideenreichtum bewerkstelligt werden
konnte. Daher fand dies auch meistens Samstags statt. Der
jeweilige Bauherr stellte die Hilfskräfte. Bei den großen
Bockscheunen der Bauern waren dazu etwa 30 Personen
notwendig, die sich aus Nachbarn und Verwandten
rekrutierten. Mit Eishaken, Gerüststangen und Seilwinden
wurden die Sparren und Pfetten hochgedrückt oder
hochgezogen, was nicht immer ein einfaches Unterfangen war
und gelegentlich auch zu Unfällen führte.
Wenn aber alles glücklich abgelaufen und der Richtkranz mit
den bunten Bändern am First zu sehen war, konnte die
Richtfesttradition beginnen. Nachdem der Bauherr oder die
Bauherrin den letzten Nagel eingeschlagen hatten, trugen die
Zimmerleute vom Gebälk aus einen Richtspruch vor, der
zwischendurch immer wieder durch den Ruf: "Kamerad schenk
ein" unterbrochen wurde. Je nach dem zu erstellenden Bauwerk
gab es unterschiedliche Richtsprüche. Bei einem Wohnhaus
wählte man einen anderen Richtspruch, als bei einer Scheune,
einer Schule, einer Kirche, einem Verwaltungsgebäude oder
eines Gewerbebetriebes. Für die Zimmerleute war wichtig, was
sie als Geldinhalt in dem bunten Taschentuch, das am
Richtkranz hing, vorfanden. Besonders bei den Bauern wurden
Richtfeste wie Hochzeitsfeiern ausgerichtet. Es wurde
aufgetischt, was Küche und Keller hergaben. Aber bevor es
richtig losging, mussten nach alter Tradition, die
vorhandenen oder nicht vorhandenen Ratten verjagt werden.
Das geschah durch Kettengerassel und mit sonstigen
Lärmquellen.
„Arnings Mine" aus Leer engagierte der Bauherr als Kochfrau,
damit das sogenannte Hochzeitsessen auch allen Kritiken
standhielt. Zur vorgerückten Stunde durfte der
Zimmermannsklatsch nicht fehlen. Wenn sich ein Bauherr vorm
Richtfest drücken wollte, konnte es vorkommen, dass die
Bauhandwerker am First des neuen Gebäudes einen alten Besen
mit einer leeren Flasche und einem Hering aufhängten, um
gegenüber der Allgemeinheit deutlich zu machen, dass nicht
zum Richtfest eingeladen worden war.
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Bild 1 - Walter Claasmeier und Heinz Hüsing unter dem
Richtkranz, rechts das berühmte Taschentuch |
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Ich bin 1951 zu Hause in die Lehre gekommen. In der
Berufschule saß ich mit den Tischlern zusammen. Als Lehrling
hatte ich neben meiner praktischen Arbeit regelmäßig
Werkstattwochenbücher zu führen. 48 Arbeitsstunden in der
Woche war die Regel. Samstags morgens wurde meistens
gerichtet und nachmittags hatte der Lehrling die Werkstatt
sauber zu machen.
1954 machte ich
meine Lehrabschlussprüfung, um dann für 2 Jahre auswärts als
Geselle zu arbeiten. 1961 legte ich vor der Handwerkskammer
Münster meine Meisterprüfung ab.
Die Zimmereibetriebe betätigten sich insbesondere auch im
Winter als Bauschreinerei. So fertigte Lindstrot regelmäßig
Fenster und Türen und machte Aufbauten für Sturzkarren und
Erntewagen, während Claasmeier/Hemker hauptsächlich Fußböden
verlegte.
Die exakte Ausführung der verschiedensten Holzverbindungen
(Verzapfungen, Verblattungen) stellte in früheren Jahren an
die Zimmerleute einen hohen Anspruch, den sie auch aus
Tradition und Stolz zu genügen versuchten. Das ist heute
größtenteils weggefallen, da durch die verschiedenen
Verbindungselemente aus Stahlblech mit entsprechenden
Schraubnägeln diese Arbeiten nicht nur erheblich
vereinfacht, sondern auch weniger lohnintensiv sind. Auch
wird der Abbund heute nicht mehr per Hand gemacht, sondern
mit teuren Abbundanlagen computermäßig erstellt.
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Anfang der 50er Jahre gab es in Burgsteinfurt die
Zimmereien:
Johann Lindstrot, Kreuzstraße 1,
Claasmeier/Hemker,
Metelerstiege 4 (Gewerbe 1998 abgemeldet),
Heinrich Wessendorf, Mennonitenstiegel (Bauzimmerei seit 1920,
Türkeil 1, Gewerbe 1970 abgemeldet),
Rudolf Raeker, Baugewerkmeister, Seilen 44, (Vater Hermann Raeker war 1925
auch schon als Zimmermann selbständig).
Lindstrot und
Wessendorf waren mit 4-5 Gesellen und 2 Lehrlingen wohl die
größten Zimmereien in Burgsteinfurt.
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