Heimatverein Burgsteinfurt e.V. 

KZ-Filmvorführung am 30.5.1945 in Burgsteinfurt

 

Heimatgeschichtlicher Arbeitskreis am 24.11.04 in der Niedermühle

Thema: Vorführung der KZ-Filme (Wochenschau) von Bergen Belsen und Buchenwald am 30. Mai 1945 im Kino in Burgsteinfurt, zu deren Besuch die Burgsteinfurter Bevölkerung zwangsweise verpflichtet wurde.

 

Laut Protokoll waren 20 Teilnehmer am 24.11.2004 in der Niedermühle anwesend, darunter auch einige Zeitzeugen. Zusätzlich waren schon vorher einige befragt worden, deren Antworten in diesen Bericht mit eingeflossen sind.

 

Literaturfunde:
1. Nachkriegsjahre im Kreis Steinfurt von Thomas Muncke. Aus der Schriftenreihe des Kreises Steinfurt 1986. Auf Seite 128 ist ein Bild mit folgender Unterschrift zu finden: In einigen Orten zwangen die Briten die Bevölkerung, sich Dokumentarfilme über die Konzentrationslager anzusehen. Die Aufnahme zeigt eine Frau, die sich ungerührt zeigte und den Film abermals sehen musste.


2. Der zweite Weltkrieg, Reinhard Mohn, Gütersloh. Auf Seite 638 sind drei Bilder von dieser Aktion veröffentlicht. Ein Bild im Kino, ein Bild vorm Kino, ein Bild von dem Zug der Menschen zum Kino hin.


3. Burgsteinfurt, eine Reise durch die Geschichte, 650 Jahre Stadtrechte. Auf Seite 95 und folgende sind die Tagebuchaufzeichnungen des damaligen Bürgermeisters Heinrich Naber veröffentlicht, der zu o.g. Thema folgendes ausführt: Am 30. April 1945 gab es Kommandantenwechsel. Der bisherige Kommandant, der der kämpfenden Truppe angehörte, wurde durch Major Fulton (früher Polizeioffizier in Indien), der weitaus weniger bequem war, ersetzt. Unter seiner Ortsgewalt ging die Beschlagnahme von Häusern . . . usw. Besondere Strafmaßnahmen wurden über die Stadt verhängt, als einem Mitte Mai angeordneten Kinobesuch nach Meinung des Kommandanten nicht genügend gefolgt worden war. Neben dem Ausgehverbot nach 17.00 Uhr wurde eine geschlossene Hinführung der Bewohner ab dem Bahnhof zum Kino unter Vorantritt des Bürgermeisters, begleitet von bewaffneten Soldaten, befohlen. Diese Aktion brachte Burgsteinfurt den Ruf eines Nazi-Dorfes ein, wie in englischen Illustrierten zu lesen war.


4. Familienbericht von Günter Schrader, der von 4000 bis 5000 Besuchern sprach, die zu 600 ins Kino eingelassen wurden. Er berichtete auch von einem schottischen Kamerateam, das vor dem Kino Aufnahmen von der Burgsteinfurter Bevölkerung machte.

 


 

Als erstes stand die Frage im Raum, wie die Bekanntmachung der Verfügung zur Zwangsvorführung der Bevölkerung erfolgte. Dazu gab es unterschiedliche Meinungen, da die damals übliche Form der Besatzungsmacht war, Infos über Plakate weiterzugeben. Jedoch in diesem besonderen Fall legte sich die Mehrheit der Zeitzeugen darauf fest, dass ein Jeep mit Lautsprechern morgens und mittags noch mal durch die Straßen der Stadt gefahren ist und in deutscher Sprache entsprechende Durchsagen gemacht hat. Dabei ist die gesamte Bevölkerung ab 15 Jahre aufgefordert worden, sich am frühen Nachmittag des 30. Mai am Bahnhof einzufinden.

 

Frau Liesel Daldrup, geb. Bongen, Wasserstraße, kann sich noch recht gut an diesen Tag erinnern, da sie wegen ihrer zwei durch Bombenangriff verletzten Kinder bei der Besatzungsmacht versucht hat, von dem Besuch des Films freigestellt zu werden.

Das ist ihr allerdings nicht gelungen. Dafür wurde ihrer Mutter aber erlaubt, bei den Kindern bleiben zu dürfen.

Frau Daldrup ist nicht zum Bahnhof, sondern direkt zum Kino gegangen.

Herr Friedrich Lübke, Wörthstraße, erinnert sich, dass er als 15-jähriger zusammen mit seinem Vater der Aufforderung gefolgt ist. Am Bahnhof hatte sich eine große Menschenmenge versammelt.

Auf Befehl des englischen Militärs mussten die Menschen im geschlossenen Zug unter entsprechender Bewachung über die Bahnhofstraße, Bismarckstraße, heutige Leerer Straße zum Kino gehen.

Voran schritten zwei bewaffnete Soldaten, dahinter kamen vier deutsche Hilfspolizisten, teilweise in Uniform, teilweise mit weißer Armbinde.

Wir, mein Vater und ich liefen in der ersten Reihe. Als wir ankamen, war der Kinosaal schon halb voll.

Danach sind wir direkt nach Hause gegangen. Dabei mussten wir an der langen Menschenschlange vorbei gehen, die noch auf ihren Filmbesuch wartete.
Außer Frau Daldrup berichteten auch noch andere, dass sie direkt zum Kino gegangen seien.

 

Der damalige Filmvorführer Karl Neupert wusste noch, dass er den Filmstreifen mehrmals gezeigt hatte. In seiner Vorführkabine ist er ständig von einem Soldaten bewacht worden.

Als die Vorführungen beendet waren, bekam er den Befehl, den Streifen für zwei junge Frauen noch mal laufen zu lassen. Diese hatten wohl beim Rausgehen nicht den notwendigen Ernst erkennen lassen und gelacht, so dass sie sich zur Strafe den Film noch mal alleine ansehen mussten.

Herr Neupert ist später, weil die Ausgangssperre bereits angebrochen war, von einem Soldaten mit Namen Roy nach Hause gebracht worden.

 

Die allgemeine Meinung aller Betroffenen war, dass man sich von der Besatzungsmacht stark unter Druck gesetzt fühlte.

Das wurde nicht nur durch die Ankündigungen deutlich, Licht und Wasser absperren und keine Lebensmittelausgabe vornehmen zu wollen, falls der Filmbesuch boykottiert würde, sondern auch durch das Verhalten des Wachpersonals an diesem Tag, das die Bürger sehr einschüchterte.

 

 

Die Befragten empfanden den Filminhalt damals sehr abschreckend und erschütternd.

Sie konnten es nicht glauben, dass alles so passiert sein konnte. Die meisten haben das Gesehene nicht für bare Münze gehalten und es als Propaganda des Feindes eingestuft.


Während der Vorführung und auch beim Rausgehen herrschte Todesstille, keiner sagte ein Wort und es fand auch draußen keine Diskussion statt.

 Viele (besonders die 15-jährigen) sagten, nach den ersten Szenen die Augen zugemacht zu haben.

 

 

Die meisten Zeitzeugen glaubten nicht, dass eine bestimmte Kleiderordnung vorgeschrieben war, meinten vielmehr, dass es damals allgemein üblich war, beim Kinobesuch sich besser anzuziehen.

Allerdings war Herr Neupert der Ansicht, dass die Besatzer aus Respekt vor den schrecklichen Taten der Deutschen ordentliche Kleidung verlangt hätten.

 

 

Bei vielen Zeitzeugen herrscht die Meinung vor, daß der verantwortliche Besatzungsoffizier Major Fulton ein besonderer Deutschen-Hasser gewesen ist, was sich nicht nur in dieser Filmvorführung, sondern auch in weiteren Maßnahmen darstellt.

 

So hat er z.B. Strafexpeditionen gegen die ehemaligen Parteigenossen aus Burgsteinfurt durchgeführt. Sie wurden aus den Häusern geholt, bekamen einheitliche graue Arbeitskleidung an und mussten mit Schüppen versehen als Kolonne durch die Stadt zum verwüsteten Judenfriedhof ziehen, um dort Arbeitseinsätze zu machen.

 

Auch war er sehr kleinlich, wenn gegen Maßnahmen der Besatzungsmacht wie Ausgehverbot usw. verstoßen wurde. Die Burgsteinfurter Gefängnisse waren voll. Erst unter seinem Nachfolger Oberst Lindsay wurde es besser.

 

Die Frage, warum diese Burgsteinfurter Aktion weltweit bekannt wurde, konnte dadurch beantwortet werden, daß ein Bild davon in der „Wochenpost" Nr. 31 vom 9. Juni 1945, Zeitung für Deutsche Kriegsgefangene erschienen ist, das in allen Kriegsgefangenenlagern verteilt wurde.

Aus der näheren Umgebung ist bekannt, dass auch in Emsdetten der Film gezeigt wurde. Das berichtete Frau Gertrud Finke, Karl-Wagenfeld-Str. Sie glaubt auch, dass die Bevölkerung dort hingehen musste.


In Borghorst (jetzt mit Burgsteinfurt zusammen Stadt Steinfurt) ist die Vorführung des Films zwar angekündigt, aber nicht durchgeführt worden.

 


Text: Gottfried Bercks

Fotos: Stadtarchiv Steinfurt

 

Alle hier gezeigten Fotos stammen aus englischen Archiven und befinden sich im Original im Stadtarchiv Steinfurt. Wir werden diese Bilder in Kürze erneut in einer besseren Qualität einscannen und in diesem Bericht austauschen.






 

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