Heimatverein Burgsteinfurt e.V. 


Leseprobe

Auszug aus:
Burgsteinfurt – Eine Reise durch die Geschichte – 650 Jahre Stadtrechte 1347-1997

Herausgegeben vom Heimatverein Burgsteinfurt

Zusammenbruch und Wiederaufbau

Ein Tagebuch aus den Jahren 1945-1948 von Heinrich Naber

Nach den schweren Luftangriffen am 17. und 22. März 1945 galt es zunächst, sich der Vielzahl der obdachlos gewordenen Bewohner Burgsteinfurts anzunehmen, sie unterzubringen und sie mit dem Notwendigsten zu versorgen. Jeder, der noch ein Dach über dem Kopfe hatte, nahm sich seines Mitmenschen an. Rührend war die Aufnahmewilligkeit auch in den Kreisen unserer Landbevölkerung. Es gab fast keinen Bauernhof, der nicht Obdachlose oder Einwohner aufgenommen hatte, die aus begreiflicher Angst ihr Heim in der Stadt in der Nähe gefährdeter Objekte mit einer Notunterkunft draußen zu tauschen suchten. Eine Sammelunterkunft war in der Schule Hollich eingerichtet. Jeder bangte um den anderen, um seine Habe, brachte das mühsam aus den Trümmern Geborgene in Sicherheit in der Annahme, die Luftangriffe könnten sich wiederholen und das Letzte noch verloren gehen. Gott sei Dank blieben sie aus.

Indes aber rückte die Front täglich näher. Der Rhein war inzwischen überschritten. Die feindlichen Truppenverbände waren im Vormarsch, der nicht mehr aufzuhalten war. Zum letzten Male noch wurde am Palmsonntag 1945 der wohl schwerste Angriff auf Münster geflogen. Und dann ging es im Eiltempo dem Ende zu. In völliger Auflösung befindliche deutsche Truppenverbände waren auf dem Rückzug, versuchten hier oder dort den Feind noch aufzuhalten. Ernsthaften Widerstand zu leisten aber wäre ihnen, die sie ohne jeden Nachschub blieben, bei der Übermacht des Feindes unmöglich gewesen und hätte nur Verderben bedeutet. Daran vermochten auch die ständig aufs Neue von den damaligen Machthabern ergangenen Parolen zum Durchhalten und die Ankündigung des Einsatzes von Wunderwaffen, die nicht existierten, sowie die Befehle einzelner Heißsporne, nichts zu ändern.

Trostlose und erbarmungswürdige Gestalten zogen in den letzten Märztagen des Weges, ausgehungert, in abgerissenen Uniformen und kaum noch fähig, sich zu wehren. Sinnlos wären auch die Versuche gewesen, etwa durch Panzersperren an den Stadteingängen den Vormarsch des Feindes aufhalten zu wollen. Wie große Mahlsteine muteten die angefahrenen Betonklötze an, mit denen man glaubte, die Straßen versperren zu können. Allenfalls wäre durch solche Sperren der Vormarsch vielleicht um Minuten oder gar Stunden aufgehalten worden, zugleich aber neues Leid über die Bewohner hereingebrochen, die ohnehin ihrem Schicksal überlassen waren.

Am Abend des 31. März 1945 bereits waren die Feindtruppen bis rings um Burgsteinfurt vorgedrungen. Die Parteispitzen hatten sich inzwischen abgesetzt. Beherzte Männer, u.a. Bürgermeister Dr. Schumann, Kreissyndikus Dr. Wientgen, kamen überein, dem Feinde keinen Widerstand zu bieten, die Straßen auch nicht durch die Mahlsteine zu versperren, sondern die weiße Fahne zu hissen und sich dem Feind zu ergeben, möge kommen, was da wolle. Ihre Sorge war nur die, es möge weiteres Blutvergießen und weitere Zerstörungen vermieden werden, denn letztlich wären doch nur Greise, Frauen und Kinder die Betroffenen gewesen. Sie haben auch in letzter Minute verhindert, dass Bürger der Stadt, über die die Gestapo schon verfügt hatte, noch in Haft genommen wurden.

So vollzog sich ungehindert in der Frühe des Karsamstag (1. April) der Ein- und Durchmarsch der feindlichen Truppenverbände, ihnen voraus amerikanische Panzereinheiten, die teils mit Schwarzen besetzt waren, die Maschinenpistole im Anschlag haltend. Sie durchfuhren, hauptsächlich aus Richtung Horstmar kommend, in rascher Folge die Stadt, gingen teils draußen in Stellung oder richteten an bestimmten Stellen in der Stadt und am Stadtrande Maschinengewehrnester ein.

Die öffentlichen Gebäude wurden mit Beschlag belegt. Eine eigens dafür bestimmte Truppeneinheit richtete die britische Militärregierung (Military Government O.C. 314 det.) ein und übernahm die Ortsgewalt. Sogleich wurde über die Stadt eine Ausgangssperre verhängt, zunächst von 12 Uhr am Karsamstag bis 13 Uhr am Ostersonntag. Auch weiterhin gab es Sperrzeiten (von 19 bis 7 Uhr), in denen die Bewohner ihre Häuser nicht verlassen durften, wollten sie nicht Gefahr laufen, von den Besatzungstruppen angeschossen zu werden.

Ein kleines Widerstandsnest von Angehörigen der Waffen-SS (wohl aus Holland kommend) hatte sich in den späten Abendstunden des Karsamstag auf dem Seller Esch festgesetzt. Es beschoss von dort am frühen Ostermorgen – man möchte sagen, wahl- und ziellos – feindliche Einheiten, die auf dem Bagno-Sportplatz lagen. Schon nach kurzer Zeit hatte die Schießerei ein Ende.

Am Ostersonntag hatte General Montgomery in der Hollicher Schule sein Quartier aufgeschlagen und gab von hier seine Befehle. Über Nacht hatte sich im Gebäude der Kreisverwaltung die Militärregierung etabliert. Die Dienstwohnung des Landrats an der Lindenstraße (heute: Ochtruper Straße) war zur Unterkunft für die Offiziere der Militärregierung geworden, ebenso auch die Villa Rotmann (an der Stelle der heutigen Tankstelle). Im Schloss hatte sich ein britischer Brigadier mit seinem Stabe niedergelassen. Die Familie des Fürsten musste im Rentamt an der Burgstraße Wohnung nehmen.

Die Tätigkeit der Kreisverwaltung (den Engländern fremd) war zunächst unterbunden. Die Stadtverwaltung hatte auf Geheiß und unter Aufsicht der Militärregierung weiter den Dienst zu verrichten.

Die Militärregierung begnügte sich nicht mit den öffentlichen Gebäuden und den Schulen. Sie belegte auch weitgehend Privathäuser mit Truppen (in den ersten Monaten waren es 170 Häuser mit 250 Wohnungen) und requirierten dazu das notwendige Mobiliar. Dass mit Häusern und Mobiliar nicht gerade pfleglich verfahren wurde, sei nur am Rande vermerkt. Was Bomben nicht zerstört hatten, wurde auf diese Weise zugrunde gerichtet.

Gleich am ersten Tage der Besatzung begann die Durchsuchung der Häuser nach Waffen. Häuser, deren Bewohner aus der Evakuierung noch nicht zurück oder die verschlossen waren, wurden aufgebrochen und durchsucht. Vieles was den Truppen brauchbar erschien, wurde von ihnen oder von plünderndem Gesindel mitgenommen.

Wenn der Krieg mit seinen Schrecken mit dem Tage der Besatzung für Burgsteinfurt auch zu Ende war, so richteten in den nächsten Wochen Scharen von plündernden Fremdarbeitern (hauptsächlich Polen) und herumziehendes Gesindel vornehmlich unter der Landbevölkerung neue Schreckenstaten an. Es verging fast keine Nacht, wo nicht irgendwo geplündert oder aus Rachsucht zerstört worden wäre. Die zur Verstärkung der örtlichen Polizei eingesetzten Hilfspolizisten waren – weil ohne Waffen – machtlos. Die Militärregierung hierauf hingewiesen, sah solange tatenlos zu, bis es ihr doch zu bunt wurde.

Denunziationen von lieben Mitmenschen bei der Militärregierung rissen in den ersten Tagen und Wochen nicht ab. Vielfach entsprachen sie persönlicher Gehässigkeit oder Rachsucht. Die Feder sträubt sich, darüber zu berichten. Wie oft war man genötigt, sich unwissend oder schützend, ungeachtet der eigenen Gefahr, vor einzelne Bürger zu stellen. Die Beamten des Secret Service zeigten sich wenig angetan ob solchen Tuns.

In den ersten Wochen der Besatzung hatte jeder mit sich zu tun. Trümmer wurden geräumt und aus ihnen noch die letzten Habseligkeiten geborgen. Die Militärregierung befahl deutsche Arbeiter zur Trümmerbeseitigung. Vieles, das noch gut hätte bleiben können, wurde niedergerissen. Vorzugsweise wurden mit den Trümmermassen Wege ausgebessert oder befahrbar gemacht; auch dienten sie der Befestigung eines Notlandeplatzes. Viele fleißige Hände gaben sich daran, noch brauchbare Ziegelsteine auszulesen und zu putzen, alte Leitungen auszubauen, Schäden an ihren Häusern auszubessern oder diese wieder aufzubauen, denn Baumaterial war regulär kaum zu beschaffen. Alle Vorräte hatte die Militärregierung beschlagnahmt und teilte sie nur auf Antrag zu. Doch gelang es so, 1945/46/47 angeschlagene Häuser wieder bewohnbar zu machen.

Am 30. April 1945 gab es Kommandantenwechsel. Der bisherige Kommandant, ein sehr ordentlicher Mann, der der kämpfenden Truppe angehörte, wurde durch Major Fulton (früher Polizeioffizier in Indien), der weitaus weniger bequem war, ersetzt. Unter seiner Ortsgewalt ging die Beschlagnahme von Häusern und Gebäuden für die Besatzungstruppe sowie die Requirierung von Einrichtungsgegenständen weiter. Noch April 1946 waren 124 Häuser und Gebäude von der Besatzung in Anspruch genommen. Ihre 585 Bewohner waren von der Stadt unterzubringen; dies hatte zur Folge, dass, wer noch ein Dach über dem Kopfe hatte, sich weiter einzuschränken hatte. Am längsten, nämlich bis Juni 1952, waren das Haus Kemper an der Laugemannstiege und ein Teil der Kreisverwaltung beschlagnahmt.

Besondere Strafmaßnahmen wurden über die Stadt verhängt, als einem Mitte Mai 1945 angeordneten Kinobesuch (KZ-Film Bergen-Belsen) nach Meinung des Kommandanten nicht genügend gefolgt worden war. Neben dem Ausgehverbot nach 17 Uhr wurde eine geschlossene Hinführung der Bewohner ab dem Bahnhof zum Kino unter Vorantritt des Bürgermeisters, begleitet von bewaffneten Soldaten, befohlen. Diese Aktion brachte Burgsteinfurt den Ruf eines Nazi-Dorfes, wie in englischen Illustrierten zu lesen war, ein.

Ende Juni 1945 setzte eine allgemeine Verhaftungswelle ein. Männer und Frauen, die irgendwie mit dem Nazismus zu tun hatten, wurden über Nacht ohne Kenntnis der örtlichen Behörde interniert und in Umerziehungslager (wie die Engländer sie nannten) gebracht. Den meisten von ihnen ist der Grund der Inhaftnahme nie bekannt geworden. Wenig später setzte die Entnazifizierung zunächst durch eine Dienststelle der Militärregierung, später fortgesetzt durch deutsche Dienststellen, ein.

Erträglicher wurde die Besatzung unter dem Kommandanten Colonel Lindesay, einem Schotten, der Ende Juli 1945 nach hier kam. Er half, so gut er konnte. Mit dem Einzug der Besatzung war zunächst alles kommunale Leben lahmgelegt, die bestehenden Gesetze und Verordnungen mehr oder weniger außer Kraft gesetzt. Es erging die Militärverordnung Nr. 1. Darin setzte die Militärregierung teils neues Recht und bestimmte, inwieweit das bestehende Recht noch anzuwenden war. Pfingsten 1945 durfte die Kreisverwaltung ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Der Stadtverwaltung, die von Anfang an weiter arbeiten durfte, war von der Militärregierung sogleich ein Arbeitsamt angegliedert worden, das für die Zuweisung der benötigten Arbeitskräfte und für ihre Entlohnung zu sorgen hatte.

Ungeregelt war zunächst die finanzielle Situation. Allwöchentlich musste die Stadt einen Haushaltsplan aufstellen und der Militärregierung vorlegen. Sie gab darauf die Mittel frei, damit es möglich wurde, u.a. den Hilfsbedürftigen, den Rentnern, den Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen und den Familien, deren Ernährer noch nicht zurück waren, die Unterstützungsgelder zu zahlen. Nicht minder schwierig gestaltete sich die Versorgung der Bevölkerung mit den lebensnotwendigen Gütern, die nur auf Karten und Scheine zu beziehen waren.

Ein Stadtparlament bestand zunächst nicht. Der Verwaltungsleiter, der in der ersten Zeit täglich zum Befehlsempfang beim Kommandanten anzutreten hatte, war auf Personen, die er mit Einverständnis der Militärregierung zur Mitberatung gebeten und die sich ihm zur Verfügung gestellt hatten, angewiesen. Sie konstituierten sich am 14. April 1945 bereits zu einem Beirat. Aus seiner Mitte wurde am 2. Mai 1945 ein kleiner Arbeitsausschuss, vergleichbar etwa mit dem heutigen Hauptausschuss, gebildet. Er erörterte allwöchentlich die Verwaltungs- und sonstige, die Allgemeinheit angehende, Angelegenheiten. Er wurde im März 1946 durch einen 11 Mitglieder starken, von der Militärregierung ernannten Beirat, ersetzt. Er tagte alle zwei Wochen und bildete schon in seiner zweiten Sitzung Ausschüsse, wie sie noch heute bestehen. Auf Grund der im April 1946 von der Militärregierung erlassenen revidierten deutschen Gemeindeordnung (bis dahin galt die von der Militärregierung inspirierte und Anfang 1946 vom Beirat beschlossene Gemeindeverfassung) fanden am 15. September 1946 erstmals wieder Wahlen zum Stadtparlament statt. Die gewählten 21 Mitglieder wurden am 25. September 1946 durch den Kommandanten eingeführt und vereidigt. Mit der revidierten deutschen Gemeindeordnung wurde zugleich die nach englischem Muster zweigeteilte Verwaltungsspitze (Bürgermeister – Stadtdirektor) endgültig verankert. Die nächste Neuwahl des Stadtparlaments war am 17. Oktober 1948 und von da ab alle 4 Jahre.

Mit dem Inkrafttreten der revidierten deutschen Gemeindeordnung erst war der Zeitpunkt gekommen, von dem ab wirkliche Aufbauarbeit geleistet werden konnte. Hauptaufgabe war es, den Wiederaufbau der teilzerstörten Stadt in Gang zu bringen und vorwärts zu treiben. In Burgsteinfurt waren 168 Häuser total zerstört worden, 156 waren so schwer getroffen, dass sie unbewohnbar waren, und 310 teils mittelschwer, teils leicht beschädigt. Zum Wiederaufbau mussten Bebauungspläne aufgestellt und Umlegungen vorgenommen werden. So z.B. war dies für den Aufbau der Türkei und der Straße An der Hohen Schule (erfolgte schon 1946/47) notwendig, denn hier wäre sonst eine Wiederbebauung nicht möglich geworden. Teils waren die Grundstücke noch nicht einmal 100 qm groß (das kleinste 54 qm) oder das Vorder- und Hinterhaus gehörte verschiedenen Eigentümern. Es waren Grundstücke auszuweisen, die eine geordnete Bebauung ermöglichten. Nur weil die Betroffenen einsichtig waren, ließ sich die Umlegung auf freiwilliger Basis durchführen. Diejenigen, die an alter Stelle nicht wieder aufbauen konnten, wurden ausgesiedelt.

Es durfte aber nicht nur an die Wiederherstellung teilzerstörter Häuser oder an den Wiederaufbau im Stadtzentrum gedacht werden, denn damit war die Wohnungsnot nicht zu beheben, auch nicht bei engster Belegung des Wohnraums. Vielmehr musste neuer Wohnraum geschaffen werden, um so mehr, als mit der Vertreibung der ostdeutschen Bevölkerung 1946 und später die Stadt eine erhebliche Anzahl Vertriebener (bis Dezember 1947 waren es 1405) aufzunehmen hatte, die teils zunächst in Massenquartieren (Seminarturnhalle u.a.) unterkamen.

Inzwischen hatte die Geldentwertung eingesetzt. Tausch- und Schwarzhandel machten sich immer stärker bemerkbar. Für Geld war kaum noch etwas zu bekommen. Trotz allem wuchs der Wille nach Eigentum, der in 1949 durchsetzte, die schon vor dem Kriege begonnene Siedlung im heutigen Stadtteil Friedenau fortzuführen. Zu dieser Zeit noch (etwa ein Jahr nach der Währungsumstellung) war das Geld knapp, Landesmittel flossen nur spärlich. Vieles musste deshalb in harter Eigenleistung organisiert und gegenseitig abgestimmt getan werden. Damit war der Anfang zur Gründung der Siedlergemeinschaft gemacht. Die Stadt erwarb das Baugelände vom Fürsten und stellte es den Siedlern im Erbbauwege zur Verfügung. Mit den ersten Bauten konnte bereits Anfang 1949 begonnen werden. Segensreich hat die Siedlergemeinschaft unter ihrem damaligen Vorsitzenden Dr. Tenrich, ihrem Geschäftsführer Sallandt und mit Unterstützung der Stadt und der Kreis- und Stadtsparkasse gewirkt.

1952 gab die Siedlergemeinschaft die weitere Betreuung an die Stadt ab, die das Siedlungswerk fortsetzte. 1950 bis 1958 wurden 263 Häuser gebaut. Heute hat sich die Siedlung zu einem Stadtteil entwickelt, in dem rund 3200 Einwohner leben. Die Stadt begnügte sich nicht nur mit der Beschaffung des Geländes, der Baureifmachung, der Betreuung der Bauherren sowie der Geldbeschaffung, sondern hat darüber hinaus durch Erstellung eigener Häuser zur Behebung der Wohnungsnot beigetragen.

Um eine unmittelbare Verbindung von Altstadt und Siedlung zu haben, wurde 1956/57 ein Fußgängerüberweg über die Bahngleise, der Bahnhof- und Eichendorffstraße miteinander verband, geschaffen. Damit ging ein schon lange gehegter Wunsch in Erfüllung, zu dem die Siedlergemeinschaft einen namhaften Geldbetrag beisteuerte.

Nebenher gingen die Aufbauarbeiten im Stadtzentrum weiter. Bis auf wenige Grundstücke, die heute Grünanlagen sind, konnte inzwischen auf allen Trümmergrundstücken wieder aufgebaut werden. Allein 108 Wohnhäuser, rund 40 Prozent des altstädtischen Wohnraums, waren den Bomben zum Opfer gefallen. Das Stadtbild hatte sich gegenüber früher geändert. Das Baugebiet musste nicht nur um den Stadtteil Friedenau, sondern auch um Baugebiete, die nahezu rings um den Stadtkern gelegen sind, beträchtlich erweitert werden und wird sich, weil die Wohnungsnot trotz weißen Kreises [Gebiet mit Mietpreisregelung] noch immer nicht als behoben angesehen werden kann, wesentlich weiter ausdehnen müssen.

Mit dem Festhalten an der althergebrachten Bauweise ist die Wohnraumnot nicht zu beheben. Dafür fehlt u.a. das erforderliche baureife Gelände. Es wird zu einer mehrgeschossigen und Reihenhausbauweise übergegangen werden müssen. Das alles aber bedingt eine vorausschauende Planung. Teils noch konnte auf den 1934 erstellten Planunterlagen aufgebaut werden. Aber schon 1947 wurde, weil sich andere Aspekte abzeichneten, ein erster Entwurf eines Flächennutzungsplans gefertigt, der erst 1957 ausgereift war und verabschiedet werden konnte. Daneben blieb die Erstellung von Bebauungsplänen nötig. An die Modernisierung der Altbauten und die Altstadtsanierung wird auch ernstlich herangegangen werden müssen, wenngleich sich hier insbesondere durch den Ausbau von Dachgeschossen, Neugestaltung der Hausfronten, Einbau von sanitären Anlagen schon einiges getan hat.

Wasserleitung und Kanalisation hatten im Kriege Schäden erlitten, die zunächst zu beheben waren. Daneben war zur Schaffung geordneter hygienischer Verhältnisse die Netzerweiterung notwendig. Insbesondere war, damit das benötigte Trink- und Brauchwasser geliefert werden konnte, 1958 die Verlegung einer zweiten Druckleitung erforderlich. Der Wasserverbrauch stieg von Jahr zu Jahr. Eine der Ursachen dafür ist die Modernisierung unserer Haushalte. 1960 konnten ein Teil der Bauerschaft Hollich und ebenso die Schule Sellen an das Wasserleitungsnetz angeschlossen werden. Hiermit einhergehen musste, weil die Einleitung der Abwässer nach mechanischer Vorklärung in die Aa nicht länger hingenommen werden konnte, der Bau einer Verregnungsanlage im Seller Feld, die 1959 in Betrieb genommen wurde.

Nachdem zunächst die an den Straßen und Wegen entstandenen Kriegsschäden, denen die Hochwasserkatastrophe im Februar 1947 neue Schäden hinzufügte, notdürftig behoben waren, musste daran gegangen werden, sie auszubauen. Hier war in der Vor- und Kriegszeit vieles unterblieben. Zuvor aber war 1956 die Aabrücke an der Wasserstraße, die beim Überrollen durch schwere Panzer arg gelitten hatte, zu erneuern. Neue Straßen mussten vor allem in den Neubaugebieten erstellt und im Übrigen damit begonnen werden, die Straßen dem ständig steigenden Verkehr anzupassen. Dazu bedarf es nicht zuletzt der Aufstellung eines Generalverkehrsplanes. Dass daneben an den Bau von Umgehungsstraßen zur Entlastung des innerstädtischen Verkehrs gedacht werden muss, sei hier nur am Rande vermerkt. Nicht zuletzt auch erforderte die steigende Motorisierung unserer Landwirtschaft den Ausbau der Wirtschaftswege in den Bauerschaften, der aus Gründen der Finanzierungsmöglichkeiten erst nach 1956 intensiv betrieben werden konnte. Noch ist hier vieles nachzuholen.

Die Straßenbeleuchtung war während des Krieges nahezu gänzlich ausgefallen. Erhebliche Mittel waren nötig, um sie zunächst wieder auf den Vorkriegsstand zu bringen, dann auf die Neubaugebiete auszudehnen und sie zu modernisieren.

Die Schulverhältnisse bereiteten nach 1945 dem Rat und der Verwaltung manches Kopfzerbrechen. Es fehlte nicht nur an Raum, es standen auch die Lehrkräfte nicht zur Verfügung, ganz zu schweigen von den Einrichtungsgegenständen und den Lehrmitteln.

Das Gebäude der städtischen Realschule war im März 1945 Opfer eines Bombenangriffs. Sie nahm ihre Tätigkeit im Oktober 1945 in vorübergehend überlassenen Räumen des Gymnasiums Arnoldinum wieder auf. Im Februar 1948 konnte sie das für ihre Zwecke umgebaute ehemalige Rathaus an der Kirchstraße beziehen. Die stete Zunahme der Schülerinnen machte die Aufstellung einer Baracke auf dem Schulhofe an der Burgstraße erforderlich. Weil diese Lösung nicht befriedigen konnte, bemühte sich die Stadt um Räume im ehemaligen Lehrerinnenseminar. Hier konnte die Schule im Herbst 1955 einziehen, nachdem das Gebäude zwischenzeitlich teilumgebaut war. In der Folgezeit musste, weil der Raumbedarf wuchs und Nebenräume, u.a. eine Schulküche, Physik- und Chemieräume fehlten, weiter umgebaut werden. Im April 1959 konnte der Realschule, die bis dahin eine reine Mädchenschule war, der schon lange entbehrte Jungenzug angegliedert werden. Im September 1958 ging das Seminargebäude durch Kauf in den Besitz der Stadt über.

Das Gebäude der Bismarckschule war im März 1945 so stark beschädigt worden, dass der Unterricht zunächst ausfallen musste. Auch war es ab Ende April 1945 für einige Zeit von Besatzungstruppen belegt. Nach der Freigabe und notdürftiger Behebung der Schäden konnte der Unterricht in der Bismarckschule am 3. September 1945 wieder aufgenommen werden. Die endgültige Wiederherrichtung des Gebäudes zog sich noch bis in das Jahr 1947 hin. 1955/56 entschloss der Rat der Stadt sich zu einer völligen Überholung und Modernisierung des Schulgebäudes. Gleichzeitig erhielt die Schule eine komplette Neuausstattung. Das alte Mobiliar, das teils dürftig repariert worden war, entsprach nicht mehr den Erfordernissen. Auch erhielt die Schule als erste eine Schulküche und einen Mehrzweckraum.

Die katholische Volksschule, die zunächst die Bismarckschule mitbenutzte, konnte nach langwierigen Verhandlungen ihre früheren Räume im Seminargebäude am 26. April 1946 wieder beziehen. Auch hier war, weil die Räume durch die Lazarettunterbringung stark mitgenommen waren, eine Generalüberholung, aber auch eine Erweiterung durch Hinzunahme von Wohnraum notwendig, die sich bis 1962 hingezogen hat. Zugleich konnte ein Mehrzweckraum für Jungen und ein Handarbeitsraum für Mädchen eingerichtet werden. Durch Umbau der alten Seminarküche wurde 1961/62 eine gemeinsame moderne Schulküche für die Real- und katholische Volksschule hergerichtet.

Auch an den Volksschulen in Hollich und Sellen konnte der Unterricht erst am 3. September 1945 wieder aufgenommen werden. Zunächst fehlte es auch in diesen beiden Schulen an allem. Es vergingen etliche Jahre, bis sich die Verhältnisse wieder einigermaßen normalisiert hatten. Durch Unterstützung der Elternschaft konnte 1962/63 auch an der Sellener Schule unter Aufgabe einer Lehrerwohnung eine Kleinküche und ein Werkraum eingerichtet werden.

Die nach 1950 zunehmende Kinderzahl ließ Schulraumnot aufkommen, die zu einer Erweiterung der Schulgebäude oder zum Neubau von Schulen zwang. Der Anfang musste mit der Erstellung des ersten Bauabschnitts der Graf-Ludwig-Schule (Stadtteil Friedenau) 1956/58 gemacht werden, denn an der Bismarckschule hatte infolge Raumnot bereits Schichtunterricht eingeführt werden müssen. Zugleich wurde im Kellergeschoss der Graf-Ludwig-Schule eine Schulküche, ein Werkraum und ein Duschraum eingebaut. Das Gelände wurde so groß gewählt, dass auf ihm noch eine Turnhalle errichtet werden kann. 1960/62 wurde in Hollich an Stelle des längst abgängigen alten Schulgebäudes ein Neubau mit zwei Klassen und Nebenraum (u.a. Toiletten und Dusche) erstellt. Gleichzeitig wurde das alte neuere Schulgebäude Hollich umgebaut und durch eine Pausenhalle mit dem Neubau verbunden.

Erst 1961/63 konnte ein erster Bauabschnitt der Willibrordschule (Stadtteil Friedenau) erstellt werden. Dadurch ergab sich die Möglichkeit der Freimachung von Klassenraum der Johannisschule im Seminargebäude, der so dringend für die Erweiterung der städtischen Realschule, der bei der ständig steigenden Schülerzahl Klassen- und Nebenraum fehlte, benötigt wurde.

Als letzte Schulbaumaßnahme ist 1964 mit dem Anbau eines Klassenraumes und von Nebenraum (u.a. Toiletten) an der Schule in Sellen begonnen worden. Ob es sinnvoll ist, nach der Neuordnung des Schulwesens überhaupt noch ein- bzw. zweiklassige Volksschulen auf dem Lande bestehen zu lassen, sei dahingestellt.

Ostern 1964 konnte die seit Jahren erstrebte Sonderschule für geistig behinderte Kinder mit vorerst zwei Klassen im städtischen Gebäude Kirchstraße eingerichtet werden.

Das Gebäude des staatlichen Gymnasiums entspricht seit längerem in keiner Weise den schulischen Anforderungen. Die Schülerzahl steigt von Jahr zu Jahr. Aus Raummangel mussten Klassen in der Landwirtschaftsschule und im städtischen Gebäude Kirchstraße untergebracht werden. Nach langen Verhandlungen hat das Land Nordrhein-Westfalen erst jetzt mit der Erstellung eines neuen Gymnasialgebäudes begonnen.

Eine Bereicherung hat das Schulwesen in Burgsteinfurt neben der Errichtung einer neuzeitlichen Landwirtschaftsschule und einer großzügigen Erweiterung der Kreisberufsschule zu Beginn des Jahres 1963 durch die Errichtung einer staatlichen Ingenieurschule für Maschinenwesen erfahren. Sie wurde vorerst behelfsmäßig in der ehemaligen Tabakfabrik Rotmann untergebracht. Die Erstellung eines modernen Schulgebäudes ist geplant. Mit dem Baubeginn ist kaum vor 1967 zu rechnen. Die Stadt hat es sich einiges kosten lassen, das Institut hierher zu bekommen. Wollte sie doch damit die alte Tradition wieder wach werden lassen, Sitz einer höheren Bildungsstätte zu sein.

Kriegsereignisse hatte den Bagno-Sportplatz, der nie ideal war, so zugerichtet, dass er kaum noch als Sportplatz angesehen werden konnte. Die Instandsetzungsarbeiten, insbesondere die Überschüttung des Spielfeldes mit Kesselasche und die Überholung der Drainage vermochten keine Besserung zu erzielen und blieben Stückwerk. Seit nahezu 15 Jahren bemühte die Stadt sich um entsprechendes Gelände, damit es möglich wurde, eine den heutigen Anforderungen entsprechende Sportstätte zu erstellen. Nach langen Verhandlungen gelang es 1960, ein etwa 25.000 qm großes Grundstück am Baumgarten vom Fürsten zu pachten. Sofort setzte die Planung ein und 1961 bereits konnte mit den ersten Arbeiten (erhebliche Bodenbewegung) begonnen werden. Sie mussten mehr als ein Jahr unterbrochen werden, damit die aufgetragenen Bodenmassen sich genügend setzten. Die Anlage besteht aus einem Rasenfeld mit Laufbahnen und 2 Nebenplätzen, gedacht als Trainings- und Faustballplatz, auf dem auch andere Ballspiele ausgetragen werden können. Für eine spätere Erweiterung verbleibt noch Gelände.

Weil den Schulen (vom Gymnasium abgesehen) Turnhallen fehlten (die Seminarturnhalle kann als solche nicht angesprochen werden), aber auch den Sportvereinen die Möglichkeit zu sportlicher, insbesondere leichtathletischer Betätigung nicht gegeben war, entschloss der Rat der Stadt sich nach mehrfacher Verhandlung 1961 zum Bau einer Sporthalle auf dem Baumgarten. Diese steht an den Vormittagen vornehmlich der Bismarckschule und den beiden Schulen in Friedenau und in den Nachmittags- und Abendstunden den Vereinen zur Verfügung. Wie notwendig diese Halle war, zeigt die tägliche Belegung. Wenn gerade der Baumgarten als Standort gewählt wurde, so deshalb, weil die Halle hier zentral gelegen ist und in Verbindung mit der Sportanlage ein geschlossenes Sportzentrum entstehen kann, das auch die Austragung von internationalen Wettkampfspielen zulässt. Die Sporthalle konnte Ende September 1962 ihrer Bestimmung übergeben werden. Mit dieser Sportstättenanlage dürfte eine mustergültige, aber auch eine der Kreisstadt würdige Anlage geschaffen sein.

Burgsteinfurt erfreut sich seit 1932/33 eines recht ansprechenden Freibades. Damit das Bad stets sauberes und klares Wasser führt, wurde 1955 eine Umwälz- oder Reinigungsanlage eingebaut; 1956 erhielten die Becken einen Spezialanstrich, der dem Bad den letzten Schliff verlieh. Wenn noch die Umkleideräume und die Toiletten den heutigen Erfordernissen entsprechend hergerichtet werden, kann das Bad mit Neuanlagen in den Nachbargemeinden wohl konkurrieren.

Dass auch unsere Kleinen nicht vergessen wurden, zeigten die an mehreren Stellen in der Stadt 1957 angelegten Spielplätze, die noch zu erweitern wären. Davon zeugen aber auch die von den beiden Kirchengemeinden u.a. mit Unterstützung der Stadt 1957/58 erstellten Kindergärten im Stadtteil Friedenau.

Wenngleich der rund 70 Jahre alte städtische Schlachthof auch von Kriegsschäden verschont blieb, so war, weil er in keiner Weise mehr den hygienischen Anforderungen entsprach, doch eine umfangreiche Renovierung und Modernisierung, insbesondere der Anbau eines schon lange fehlenden Kühlhauses erforderlich. Diese Arbeiten konnten in 1959/60 durchgeführt werden. An dieser Stelle sei auch auf die Einführung des städtischen Krankentransportes, die Modernisierung des Feuerlöschwesens und die Einführung der staubfreien Müllabfuhr nach 1945 hingewiesen.

Die 1945 ausgebrannte Hohe Schule, die bis dahin seit 1867 das Amtsgericht beherbergte, ging, nachdem das Land Nordrhein-Westfalen auf den Wiederaufbau an dieser Stelle verzichtete, nach langen Verhandlungen, die schon 1947 begonnen hatten, 1952 in den Besitz der Stadt über. Dafür hatte die Stadt u.a. ein entsprechendes Gelände an der Garten-/Hohenzollernstraße bereit zu stellen, auf dem 1963/64 ein neues Amtsgerichtsgebäude errichtet wurde. Weil der Stadt ein ihrer historischen Bedeutung gemäßes Rathaus fehlte und die Verwaltung im Hause Wasserstraße (heute Volksbank) völlig unzureichend untergebracht war, baute die Stadt auf Initiative des Heimat- und Verkehrsvereins 1954/58 die Hohe Schule wieder auf und zu einem Rathaus um. Dadurch, dass der Landeskonservator den Wiederaufbau in der ursprünglichen Form forderte und der hässliche Außenputz entfernt wurde, hat das Gebäude sehr gewonnen.

Damit wurde zugleich das 400 Jahre alte Wahrzeichen Burgsteinfurts wieder erstellt, das dem Stadtbild das Gepräge gibt. Wenige Jahre vorher wurde an Stelle der zerstörten Töchterschule das sogenannte Behördenhaus An der Hohen Schule errichtet. Die Gestaltung dieses Baukörpers wurde maßgeblich vom Heimat- und Verkehrsverein mit beeinflusst, dem daran lag, gute Sichtverhältnisse auf die Kleine Kirche zu erhalten. Dass auch die rund 500 Jahre alte Kleine Kirche (Stadtkirche) in alter Gestalt (nach Entfernung des Außenputzes) wieder hergestellt und sie an der Flintenstraße den Blicken freigelegt sowie mit einer Grünanlage versehen wurde, kann wohl als eine Bereicherung des Stadtbildes bezeichnet werden. Die Große Kirche, die außen renoviert (die innere Erneuerung wurde 1965 durchgeführt) und auch mit einer Grünanlage versehen wurde, soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Dass an die Verschönerung des Stadtbildes gedacht wurde, zeigen die Grünanlagen an der Wasserstraße (Irisgarten), der Bergstraße (Leerer Straße, heute Neubau Flintermann) der Leerer Straße und nicht zuletzt die in der Umgestaltung begriffene ehemalige Lehmgrube an der Bohlenstiege. Gerade in Verbindung mit der Wasserfläche lässt sich bei Anlegung auch von Promenadenwegen hier ein ideales Fleckchen erstellen, das zum Verweilen einlädt.

Wenn die Stadt auch zu den angesprochenen und anderen Maßnahmen, für die mehr als 5 Millionen DM aufzuwenden waren, namhafte Zuschüsse erhalten hat, so hatte sie doch auch selbst nicht unerheblich beizusteuern. Aus Haushaltsmitteln war ihr das nur zu einem kleinen Teile möglich. Sie musste auf den Darlehnsweg ausweichen. Mit rund 2,5 Mill. DM hält sich die echte Schuldsumme noch in erträglichem Rahmen. Wenn bedacht wird, dass bei dem erheblichen Nachholbedarf die Finanzlage der Stadt stets angespannt war und die Stadt Juni 1948 ebenso wie jeder Private vor dem Nichts stand, darf wohl behauptet werden, dass seit jener Zeit Erstaunliches geleistet wurde und geleistet werden konnte, weil sich die Verantwortlichen ihrer Aufgabe bewusst waren.