Heimatverein Burgsteinfurt e.V. 

Wahre Geschichten, die das Leben schrieb

 

Ein Burgsteinfurter Mädchenpensionat, ein Schneeball und die Folgen

 

Lang, lang ist's her ...

 

Bild 1 - Madina Buruck

„Burgsteinfurt, ein Schneeball – und ich“



Ist man ein Burgsteinfurter, wenn man in Burgsteinfurt lebt, ohne dort geboren zu sein?

Sie heißt Madina Buruck (Bild 1), ist zwölf Jahre alt und wohnt in Burgsteinfurt am Münsterkamp - seit 1999.


Darüber hatte sie sich noch nie Gedanken gemacht. Warum auch. Bis ihr die Geschichte vom Schneeball begegnete. Ein Schneeball, der zum Schicksal wurde. Mit diesem Schneeball kommt - das hat sie total überrascht – Burgsteinfurt ins Spiel, Burgsteinfurt vor 100 Jahren: „Und – was ich nie gedacht hätte - er betrifft auch mich“, stellt die Zwölfjährige staunend fest. „Dass ich auf die Welt kam, verdanke ich – erst einmal meinen Eltern. Heute weiß ich, dass das nicht so wäre, hätte es da nicht diesen Schneeball gegeben, der genau 100 Jahre alt wurde, als ich 1999 mit meiner Familie von Nordwalde nach Burgsteinfurt zog.“


Der hat natürlich die 100 Jahre nicht überdauert; er ist dahin geschmolzen, bevor noch der Winter des Jahres 1899 zu Ende war. Aber er war hart, sehr hart. Und das hatte Folgen. Bis heute.
 

Die Schneeball-Geschichte war schnell erzählt. Ihr Großvater tat es, als er mit ihr eines Tages im Auto am Bagno vorbei fuhr:

„Um das Jahr 1898 herum betrieb eine ‚Frau Hauptmann Wendland’ in Burgsteinfurt ein Pensionat für höhere Töchter. Die ‚höheren Töchter’ zahlten gut (genau genommen ihre Väter) für eine standesgemäße Unterbringung, eine standesgemäße Gesellschaft und eine gediegene Erziehung, die von Anstand und Manieren übers Klavierspiel und Stickerei bis zur Philosophie und Literatur reichte.


1898 war eine gewisse Amely Trant ‚Zögling’ dieser ‚Anstalt’. Zu jenem Zeitpunkt eine von wahrscheinlich sieben bis acht weiteren jungen Damen aus der so genannten guten Gesellschaft. Sie war eine niedliche, kleine 18-Jährige mit krausen Haaren und die Tochter eines Apothekers in Bremen. Der war sicherlich nicht arm. Denn die Pensionatskosten haben dem Vernehmen nach keinen bleibenden Schaden an seinem Vermögen hinterlassen.


Arm war auch nicht Emma Cordes’ Vater, der in Bünde eine florierende Zigarren- und Kartonagen-Manufaktur betrieb. Emma Cordes war auch ‚Zögling’ in Burgsteinfurt bei Frau Hauptmann Wendland und von stattlicher Größe. Emma wurde der kleinen Amely das, was man früher Busenfreundin nannte. Das war aber bestimmt nicht der einzige Grund dafür, dass Amely freundschaftlichen Kontakt mit Emmas Familie in Bünde unterhielt. Nein, Emma hatte einen Bruder, der auch sehr stattlich war, Willhelm hieß und Maschinenbau studierte. Und der verursachte bei der kleinen Amely allerlei Schmetterlinge im Bauch.


Wilhelm war häufig zu Gast im Burgsteinfurter Mädchenpensionat – vordergründig, um seine Schwester Emma zu besuchen. Ganz gesittet ging es dabei zu bei Kaffee und Kuchen und selbstverständlich unter strenger Aufsicht der Frau Hauptmann, ihrer Schwester ‚Tante Paula’ und manchmal auch eines Lehrers.

 

Welch glücklicher Zufall, dass sich auch die anderen Mädchen zu solchen Kaffeetafeln im Garten der Pension einfinden durften! So konnte der stattliche Wilhelm doch zum eigentlichen Zweck seines Besuchs kommen und ein Auge auf die niedliche Amely werfen. Manchmal gab es mit den männlichen Gästen auch einen Ausflug ins Bagno. Und wer mit wem dort Kahn fuhr für ein verschwiegenes Viertelstündchen, entglitt der Frau Hauptmann gelegentlich der Kontrolle.
 

Eines Wintertags verstieg man sich sogar zu einer ganz und gar übermütigen Lustbarkeit: eine Schneeballschlacht. Hin und her flogen die Bälle, wahrscheinlich begleitet von allerlei Juchzen, Kreischen und Kichern. Die Mädchen waren früher auch nicht anders als heute.


Da traf es die kleine Amely. Genau aufs Auge. Und es tat sehr weh. ‚Contenance!’, hatte sie gelernt, Haltung, nichts anmerken lassen! Aber es half nichts, der Ball war doch sehr hart gewesen, und ein paar Tränen kullerten über die kalten Wangen.


Hilflos stand der Werfer ihr gegenüber, der stattliche Wilhelm aus Bünde. Nichts wollte ihm einfallen, um den Schaden wieder gut zu machen, als Stottern und ein bedauerndes Gesicht. Doch als Amelys Augen nicht aufhören wollten, ihn traurig anzusehen, da wurde er noch nervöser und griff in seiner Not zum allerhöchsten Trumpf, der ihm einfiel: ‚Weine nicht mehr, ich heirate dich auch später.’


Der stattliche Wilhelm hat Wort gehalten.

 

Gern, wie sich herausstellte. Und Amely Cordes geborene Trant wurde darüber sehr glücklich, jeden Tag ihres langen Lebens, bis an ihr Ende. Sie ist die Mutter meiner Mutter und 90 Jahre alt geworden. Diese Geschichte hat sie mir oft erzählt.“
 

Bild 2 - Folgen einer Schneeballschlacht: Der einstige „Zögling“ des

Friedhöfer Mädchenpensionats „Wendland“, Amely Trant, mit ihrem

späteren Ehemann Wilhelm Cordes aus Bünde. Er hatte ihr als Student leichtfertig die Ehe versprochen – als Wiedergutmachung für einen allzu

harten Schneeball.

Die Hochzeit fand tatsächlich statt: am 29. Januar 1908 - eine  Liebeshochzeit, wie sich herausstellte.

 

„Tja, also: Die Oma vom Opa. Und der ist der Vater meiner Mutter. Und jetzt ich – das alles wegen eines Schneeballs!“, folgert Madina überrascht.


Der „Opa“ hat von seiner Großmutter eine alte Fotografie aus dem Jahr 1898 geerbt (s. Bild 3). Sie zeigt „Frau Hauptmann Wendland“, ihre Schwester „Tante Paula“ Esselbrügge, drei männliche Gäste und acht sehr altertümlich bekleidete Damen an einem Kaffeetisch im Garten, alle so um die 18.

 

Auf der Rückseite sind ihre Namen notiert. Teens also, sollte man meinen, sind als solche jedoch nur mühevoll zu erkennen. Aber damals hat es ja noch nicht einmal das Wort dafür gegeben.
 

Bild 3 - Züchtiges Outfit und grimmige Mienen: Das Mädchenpensionat Wendland am 27. Juli 1898 mit männlichen Gästen.

Am Tisch in der Mitte sitzend rechts (in schwarzer Witwenkleidung, wie damals üblich) „Frau Hauptmann Wendland“, geborene

Marie Sophie Esselbrügge, die Chefin so zu sagen, links neben ihr ihre Schwester Paula Esselbrügge („Tante Paula“).

Sitzend von links: Paula (Pauline?) Wendland (Tochter, Schwägerin, Nichte?), Emmy Starp (später verh. Bonnermann),

rechts Elisabeth Press und Margarethe Weber.

Stehend von links: Amely Trant (später verh. Cordes), Emma Cordes, Paul Weber (Bruder von Margarethe),

Mathilde Springer, Wilhelm Cordes (Bruder von Emma und später verheiratet mit Amely Trant), Aenne Ritterbusch.

Links im Hintergrund am Gartenhaus: Oskar Trant (Bruder von Amely).
 

Bild 4 - Aus dem Jahr 1897 stammt dieses von einem Pennäler geschossene Foto. Es zeigt den Markt, auf dem gerade ein Krammarkt stattfindet. Man erkennt im Hintergrund einige Buden. Aber mehr noch mögen den Fotografen die vier modisch gekleideten Damen aus dem Pensionat „Schütte“ interessiert haben. Aus: Fritz Hilgemann, „Burgsteinfurt in alten Ansichten“, 4. Aufl. 1995

 

Dennoch, mit den Pensionatsmädels sollen die heimischen Jungs gern angebändelt haben, wenn sie in ihren rauschenden Taftkleidern und Strohhüten lachend und kichernd durch die Straßen Burgsteinfurts wandelten.

 

Die Begleitung zu Ausflügen in die Umgebung oder zu Tanzkränzchen war eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Pennäler des Gymnasiums, wollen noch heute ein paar alteingesessene Burgsteinfurter wissen.

 

Das Pensionat „Wendland“ hat es bald darauf nicht mehr gegeben, aber der Name findet sich noch später in Burgsteinfurter Kirchenbüchern.

 

Und es existierte damals noch ein weiteres Pensionat, das Pensionat „Schütte“ – Infos, die der fleißigen Mithilfe des Teams von „Stenvorde.de“ zu danken sind, das mit auf Spurensuche gegangen ist, allen voran Ingrid König.
 

Wo aber war vor 100 Jahren das „Pensionat Wendland“? Kann man heute noch erkennen, wo die Schneeball-Romanze begann, wo Madina Burucks Ur-Ur-Großmutter Burgsteinfurter Luft geatmet, ihre Faxen mit Freundin Emma getrieben und Schiller-Gedichte auswendig gelernt hat - die sie noch mit 90 konnte?

 

„Ich hätte mir gern mal angesehen oder wenigstens vorgestellt, wo und wie Teens vor 100 Jahren so den Tag verbrachten;“ Madina Burucks Wunsch ist verständlich, sie ist selbst fast ein Teen.

 

Lange Zeit sah es danach aus, als könnte man nichts mehr finden. Denn eine Adresse aus damaliger Zeit war nicht mehr aufzutreiben, auch nicht bei den Ämtern der Stadt.

 

Dann aber hat der „Friedhöfer Schützenverein“ eine Entdeckung gemacht und ist auf das Haus Friedhof 36 gestoßen – mitten in der Stadt. In einer Volkszählungsliste von 1900 nämlich ist exakt hier das Pensionat Wendland mit „neun weiblichen Personen“ aufgeführt, betrieben von der Witwe Hauptmann Wendland, 1852 geboren als Marie Sophie Esselbrügge.

 

Ihr Vater, sagen die „Stenvorder“, die es wissen müssen, sei ein bekannter Burgsteinfurter Juwelier gewesen. Damals trug das Haus noch die Nummer 33.


Von vornehmer Villen-Pracht und Herrlichkeit, wie man sich vielleicht ein Mädchenpensionat „der guten alten Zeit“ vorstellt, ist das Gebäude nicht, aber breiter und stattlicher als vermutet. Man sieht es ihm wahrlich nicht an, dass es in die Jahre gekommen ist. Und in prachtvoller Nachbarschaft: Direkt daneben das Haus Priggen, mittlerweile eins der schönsten Fachwerkhäuser Burgsteinfurts.


Wenn der Blick hinauf zum Obergeschoss wandert, sieht man sie plötzlich vor sich (vor seinem inneren Auge, versteht sich): Sieben oder acht altmodisch gekleidete, fröhliche Mädchen lehnen in den weit geöffneten Fenstern, kichern, tuscheln und tun so, als würden sie die Pfiffe und Rufe der Jungs unten auf der Straße nicht hören, während ein alter Mann gerade rumpelnd seinen Kartoffelkarren vorbei schiebt und schimpft, dass die jungen Leute heutzutage Anstand und Sitte nicht mehr kennen. Ja, so ein Moment im Alltag eines Mädchenpensionats vor hundert Jahren ist vorstellbar, wenn man heute vor dem Haus steht.
 

Bild 5 - Friedhof 1910: Das einstige Mädchenpensionat „Wendland“

ist in der Mitte der linken Bildhäfte deutlich zu erkennen:Hell, breit und repräsentativ. Davor, etwas zurückgesetzt das heutige Haus Priggen.

Das Haus ganz links vorn gibt es seit den 30-er Jahren nicht mehr. Im Hintergrund die katholische Kirche.

Bild 6 - Friedhof 2007: Von außen geräumig und repräsentativ wie eh

und je: Das Haus Friedhof 36, rechts neben dem Fachwerkhaus. Vor

110 Jahren war es ein Mädchenpensionat für „höhere Töchter“, die hier ihren letzten gesellschaftlichen „Schliff“ erhielten. Links Haus Priggen

Der lauschige Garten mit der Kaffeetafel hinter dem Haus, in dem der Fotograf (man weiß nicht mehr, welcher) das Pensionats-Gruppenfoto gemacht hat, ist längst kein hübsches, gepflegtes Stückchen Erde mehr, sondern ein ziemlich ramponierter Parkplatz.


Keine Spur mehr von der Gartenlaube, vor deren Fenster der Fotograf damals einen etwa 14-jährigen Jungen abseits platziert hatte – wahrscheinlich, weil ihn der unruhige Lümmel bei der fotografischen Aufnahme gestört hat. Es ist Madinas Ur-Ur-Großonkel Oskar, Amely Trants kleiner Bruder.

 

 

Da staunt Madina Buruck erst recht: „Also, was sich da von mir vor 100 Jahren schon alles in Burgsteinfurt getummelt hat, ehe ich kam…! Burgsteinfurter als ich kann eine Burgsteinfurterin ja kaum noch sein!“

 

Text und Urheberrechte: Gunther Hagemann

Bilder und Fotos:

Bild 1 - 3, 6: Privat 

Bild 4 aus: Fritz Hilgemann, „Burgsteinfurt in alten Ansichten“, 4. Aufl. 1995;

Bild 5: Archiv "Friedhöfer Schützenverein"

 

Wir bedanken uns an dieser Stelle ganz herzlich bei Herrn Gunther Hagemann für den wunderschönen Bericht. Er ist ein besonderer Höhepunkt auf unseren Seiten und wir freuen uns sehr, Ihnen diese wahre Geschichte auf Stenvorde.de präsentieren zu können! - Anm. d. Red.