Heimatverein Burgsteinfurt e.V. 

 

Die Entdeckung eines mysteriösen Neujahrskucheneisens
 

Wenn Heimat- und Ahnenforscherinnen mit der Vergangenheit konfrontiert werden

 

Bild 1 - Diese Zeichnungen des Eisens setzten unsere Nachforschungen in Gang

 

Es war an einem Tag Anfang Dezember 2006, als sich bei mir mal wieder ein unbändiger Appetit auf ein leckeres Stückchen Torte und ein köstliches Kännchen Kaffee in den Sinn schlich und sich auch durch höchst konzentriertes Schreiben nicht mehr verbannen ließ. Mit anderen Worten: es war mal wieder Zeit für eine Redaktionssitzung von Stenvorde.de (Da gibt's nämlich immer köstlichen Kaffee und Kuchen bis zum Abwinken ).

 

Also ran an die Tasten und per Mail einen Termin mit dem Team verabreden. Aber es war jemand schneller! Unsere Heimat- und Ahnenforscherin Ingrid König hatte bereits eine Mail geschickt mit dem Bild 1 als Anhang und dem Hinweis, dass auf einem Sellener Ferienhof ein uraltes Waffeleisen gefunden wurde, dessen Zeichnungen und Herkunft man absolut nicht deuten konnte.

 

An dieser Stelle sollte ich nun zum besseren Verständnis einfließen lassen, dass in dem Hof auch ein kleines, aber feines Bauerncafé integriert und daher auch oft für unsere Sitzungen ein beliebter Treffpunkt ist.

 

 

Wir sind nun zwar absolut nicht neugierig, möchten aber immer gern alles wissen.

Nachdem wir uns also auf den Termin geeinigt hatten, hieß es Kamera und Notizbuch einpacken und auf ging's in eine spannende Besprechung.

Da uns die vorliegende Zeichnung etliche Rätsel aufgab, hofften wir, mit Hilfe des Originals einer Lösung etwas näher zu kommen. Als uns der Wirt das Prachtstück an den Tisch brachte, stellten wir aber sehr schnell fest, dass die Zeichnung sehr gut getroffen und auf dem Eisen auch kein weiterer Anhaltspunkt zu finden war.

Lediglich die Schrift sah irgendwie anders aus als auf der Zeichnung.

Bild 2 - Die Seite 1 des Originals - Was wir nun seit Ingrids

Nachforschungen wissen: die vielen Punkte in dem mittleren

Kreis sind Holunderbeeren (Fliederbeeren)

Des Rätsels Lösung: Nicht auf dem Eisen muss man die Schrift richtig lesen können, sondern auf den Neujahrskuchen. Also musste die Schrift spiegelverkehrt angeordnet werden.

 

Aber nun ging das Rätselraten bei Ingrid und Petra erst richtig los.

Pastor Johannes Crato und Agnes Josina Losen, sie waren hier völlig unbekannt. Auch unsere beiden Ahnenforscherinnen konnten sich keinen Reim drauf machen, obwohl sie sich in der Geschichte der Bauerschaft Sellen sehr gut auskennen.

 

Und was bedeuteten diese Zeichnungen? Waren das heidnische Zeichen (man wusste schließlich, dass auf diesem Hof im 18. Jahrhundert auch Heiden gelebt haben)? Es gab keinerlei Beziehung zu den ortsüblichen Eisen in der Region, schließlich hatte früher und teilweise auch heute noch jeder Hof seine eigenen Symbole und Namen auf den Neujahrskucheneisen und konnten somit stets identifiziert werden. Bei unserem Eisen war weder von der Gravur noch von den Namen her eine Identifizierung möglich.

Ratlose Gesichter in der Redaktionsrunde.

 

Wir fühlten uns wie der Verfasser der kürzesten Regierungserklärung aller Zeiten, im Folgenden sein kompletter Text: "Watt nu?"

 

An diesem Tag kamen wir nicht mehr weiter, aber als Trösterchen gab es ja noch das Kuchenbuffet, das wir nach der schweren Kopfarbeit auch ausgiebig nutzten. (An dieser Stelle ein großes Dankeschön an den Chef des Hauses, der alle Kuchen noch selber und tagesfrisch fertigt: es war großartig und wir kommen wieder. Dies sollte nun aber bitte nicht als Drohung aufgefasst werden, denn es gibt einen ganz anderen Grund: das Montags-Buffet ist einfach nicht zu toppen!)

Bild 3 - Hier wurde Bild 2 gespiegelt. Jetzt kann man auch den Namen

und das Datum richtig lesen. Man beachte aber bitte den Buchstaben N.

Es ist doch wohl nicht ganz so einfach, spiegelverkehrt zu schreiben!

Bild 4 - Die andere Seite ...

 

Bild 5 - und ebenfalls gespiegelt

 

Ingrid meinte beim Abschied nur kurz: "Nun will ich das aber wissen!" und stürzte sich noch abends in die Arbeit. Unsere Redaktionssitzung hatte am Montag stattgefunden, und am Freitag bekamen wir per Telefon die folgenden Ergebnisse ihrer Nachforschungen mitgeteilt, die uns Sonntags dann auch schriftlich und somit schwarz auf weiß vorlagen:

Neujahrskucheneisen auf dem Hof Epker in Burgsteinfurt

 

Pastor Johannes Crato 3 V Fliricandis
Agnes Josina Losen Anno 1706 den 3 Mai
so lautet die Beschriftung dieses ungewöhnlichen Neujahrskucheneisen

Johannes Crato oder auch Cracht genannt, war von 1671 -1707 als Pastor in Flierich/Westfalen bei Hamm-Bönen tätig (ca. 80 km von Burgsteinfurt entfernt).
Als dieses Eisen graviert wurde, war Pastor Johannes Crato schon 35 Jahre in seiner Kirchengemeinde Flierich.
Flierich bedeutet übersetzt: Fliederbusch. Damit sind aber Fliederbeeren gemeint, d. h. die Früchte des Holunders. Fliederbeeren haben viel mit Aberglauben zu tun, denn sie sollen z.B. Unheil abwehren.

Seine Tochter Elisabeth Crato heiratet am 20. 8.1701 Diederich Hillermann in Flierich
3 Kinder sind schon geboren, als das 4 Kind 1709 in Burgsteinfurt getauft wird.Wo sie von 1701 -1708 gelebt haben, ist noch nicht bekannt. Insgesamt gehen 10 Kinder aus dieser Ehe hervor. Burghard Diederich Hillermann ist als Rentmeister und Domänenrat in Burgsteinfurt tätig

Hillermanns Tochter Catharina Elisabeth (* 16.11.1718) heiratet am 21.8.1735 in Burgsteinfurt den späteren Bürgermeister Hermann Elfers

(* 24.4.1718).


Das 1 Kind aus dieser Ehe ist Johann Friederich Elfers (*26.8.1735). Das ist der Vorfahre von Professor Wilfried Elfers aus Mainz, er ist 85 Jahre alt und seit Jahren Stammgast auf dem Hof Epker.


Johann Friederich Elfers wird auch Pastor und zieht nach Ostfriesland – (Logumer Vorwerk - er heiratet dort 1792 – Sohn Hermann Lubertus wird 1794 geboren und Pastor Elfers stirbt im gleichen Jahr)
 

Aber einige Fragen sind bisher noch nicht geklärt:

Wie kommt das Eisen auf den Hof Epker ?
Evtl. hat Pastor Crato seine Tochter und den Schwiegersohn sowie die Enkelkinder besucht?

Nach alten Überlieferungen sollen auf dem Hof Heiden gelebt haben (an der Stelle der heutigen Liegewiese). Hat er sie zum Christentum bekehrt?

Die Vorfahren der Familie Epker (Arning – Raeker) haben als Rad-und Stellmacher sowie als Gerichtstaxator gearbeitet. Hatten sie beruflich mit den Promis aus der Stadt zu tun?

Oder kommt die Linie von dem Bürgermeister Elfers von einem Sellener Hof?

Falls noch Hofpapiere aus der Zeit kurz vor oder nach 1700 vorhanden sind, sollte man diese noch mal sichten.

 

Bisherige Zusammenstellung von
Ingrid König am 10.12.2006

Mit diesen vorläufigen Ergebnissen endet hier zunächst unser Bericht über das mysteriöse Neujahrskucheneisen. Wir Laien stehen fassungslos diesen Erkenntnissen gegenüber. Wie hat Ingrid das alles in etwa 4 Tagen herausgefunden? Die Daten sind schließlich 300 Jahre alt, Zeitzeugen kann man da nicht mehr fragen und Anhaltspunkte waren lediglich die Namen, die hier auch keiner kannte. Auf meine diesbezüglichen Fragen lächelte Ingrid nur: "Och, da kommt noch mehr, ich habe Kontakt aufgenommen zu dem Stadtarchivar von Flierich/Westfalen. Der ist ebenfalls stark interessiert und forscht nun auch. Vielleicht kommt er uns ja mal besuchen!"

 

Und in diesem Fall bin ich mir ziemlich sicher: Fortsetzung folgt

 

Mehr zum Thema Neujahrskuchen(-eisen) auf unseren Seiten:

 

Wie wird ein Neujahrskucheneisen hergestellt? Eine aktuelle Reportage zum Thema

Traditionelle Backeisen-Motive Eine erweiterungsfähige Sammlung von Motiven

Ein Neujahrskucheneisen von 1706  Nachforschungen zur Herkunft

Neujahrskuchenrezepte Eine nach oben offene Sammlung traditioneller Familien-Rezepte. Hier könnte auch Ihr Rezept rein!

Sonderausstellung im Stadtmuseum Steinfurt  Heiße Eisen - Geschichte und Geschichten rund um das Neujahrskucheneisen im Steinfurter Land

Koken backen in Lümms Schöppcken Neujahrskuchenbacken in Lünnemanns Schuppen

"Küeraobend" im Stadtmuseum Steinfurt Thema: Neujahrskucheneisenhersteller geben Einblicke in ihre Kunst


Text: Ingrid König

Text: Willi Tebben

Zeichnung: Heinz Epker

Fotos: Willi Tebben (Bild 2 - 5)